832 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
b) Vita s. Martini. Richer stellte dem Leben Martins zunächst einenProlog von 75 leoninischen Distichen voran. Er sagt hier: Ich will das Lebendes hl. Martin beschreiben, das schon früher vor dem Tode des Heiligen 1von Sulpicius Severus geschildert worden ist. Und nachdem er sich demLeser vorgestellt hat, stellt er in einem anmutigen Bilde dar, daß unter derCella des Heiligen die Mosel fließe, umgeben von rebenbewachsenen Ufernwo Bäume und Felder ihre Früchte tragen und die Menschen gesund bleibenund alt werden. 2 Hier wohnen die Brüder, die sich am hl. Martin als Patronerfreuen. Nahebei wächst der beste Wein des Landes 3 und dort ist dasGrabmal des Königs Sigebert, der den Kranken so oft hilft. Sodann wirddie Kirche beschrieben, die der König begründet und reich beschenkt hatte— doch der Krieg kam und hat das Gebiet verwüstet und die Großen raub-ten die Güter. Hier Vs. 69 bis 107 muß die biblische Geschichte von Kainbis auf Herodes und die Zerstörung Jerusalems allerhand Stoff liefern,der freilich meist in ganz losem Zusammenhange mit dem Thema steht.Dann kommt aber eine neue Klage, denn Richer beschwert sich über dieHerrschaft des Geldes sowie über die Habsucht und Genußsucht. 4 Der hl.Martin aber sei ein Freund der Armen und ein Bringer ewigen Reichtumsgewesen und unter seiner Führung wollten die Mönche ohne Schmerzengesund und selig leben. — Also nur Klage über die Gewalttaten der Mäch-tigen, aber kein kirchenpolitischer Seufzer über das Königtum.
Daran schließt sich ein kurzes Loblied auf die Stadt Tours in siebenepanaleptischen Distichen; 5 sie wird wegen ihrer Besitzes des Heiligen glück-lich gepriesen. In einem zweiten Prologe von 90 Fünfzehnsilbern, die in sichBinnenreim besitzen und zu zweit Endreim haben, 6 ladet der Dichter alleMönche ein, mit ihm zu singen und zu musizieren; denn er wolle die Tatendes großen Bischofs darstellen, die Severus in schwieriger Prosa beschrie-ben habe. Darauf gibt er eine längere Disposition über die von ihm darzu-stellenden Ereignisse aus dem Leben des Heiligen bis zu dessen Tode.Er schließt dabei mit der Betonung seiner eigenen Wahrhaftigkeit. Richerhielt aber noch einen Prolog von 76 leoninischen Hexametern notwendig,um das Werk einzuleiten: Er fordert die Musik auf, mit ihm zu ertönen undzu jubeln: alle wilden Tiere sind zahm, 7 Kaiser und Papst leben in Frieden,Kleriker und Mönche singen in der Kirche, alles atmet Ruhe und Frieden.
Nun erst beginnt die eigentliche Vita Martini, die ganz nach der Prosades Sulpicius Severus gearbeitet ist und diesen Bericht nur selten verändert.Richer hält sich sogar oft so eng an seine Quelle, daß ihr Wortlaut deutlichzu erkennen ist. Er teilt das ganze Werk in zwei Bücher und nur das ersteBuch enthält das eigentliche Leben Martins, und zwar Sulp. Sev. V. M. 2—24 in 28 Abschnitten, von denen aber nur sieben gedruckt sind, 8 während
1 Vs. 7 Presule vivente. . . Scripsit ovans. dem Halbvers (Gaudeat urbs celebris).
2 Vs. 30 Pestis ibi nulla nee colubri macula. 6 1 Omnis homo qui de domo cupit esse do-
3 Vs. 43 monachi vitant carchesia Bacchi mini, Deodatuslitteratusquoquesubestordwi.nach Verg. Georg. 4, 380. 7 Vs. 27 (p. 5) Triste lupus stabulis Verg.
4 Zu Vs. 104 pauper ubique iacet, 125 nu- Ecl. 3, 80. 32 Dente timendus aper Ovid.dus et pharetratus puer und 129 gestando Ep. 4, 104. 64 famam super ethera vexitcupidinis arcus vgl. Ovid. Fast. 1, 218. Aen. 1, 379. 40 lies profert, 43 Non est.Rem. 139. Met. 105, 25. s Richeri abbat. Mett. vita s. Martini..
6 Wie bei Martial 9, 97 mit durchgehen- ed. Rieh. Decker, Trier 1886 p. 6—10.