816 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
Die Verse zeigen mehrfach Taktwechsel, vgl. 1. 20. 33. 64. Besonders aber fehlt es denReimen an Reinheit und Durchbildung, da im Binnenreim häufig nur die Vokale reimenund einsilbiger Reim an Stelle des zweisilbigen steht, während die Endreime durchgehenddoppelsilbig gebraucht werden.
c) In laudem s. Mariae. Ein Loblied auf die hl. Jungfrau in 15 Disti-chen. Der Dichter preist die Macht und Hoheit der Maria, die hier schonvöllig als die Himmelskönigin erscheint: Vs. 4 Tu regina soli, tu super altapoli und 12 Partu virgineo consociata deo und 23 Tu quae Stella maris, quaecaeli porta vocaris. Hugo bittet am Schluß Vs. 25 seinen Freund Wilhelmsich ganz ihrem Dienst zu weihen und bei ihr Fürbitte für ihn einzulegen. —Hexameter und Pentameter besitzen reine zweisilbige leoninische Reime.
d) (Ad deum). Ein Gedicht von 61 zweisilbigen Leonini, das vielleichtauch dem Hugo gehört, da es mitten unter dessen Stücken steht. Der Dichterpreist Gottes Allmacht und Schöpferkraft und ermahnt die Menschen, dieWege der Welt zu verlassen; er bittet Gott, ihn den rechten Weg erkennenzu lassen und ihm beizustehen. Das Gebet kräftigt ihn so, daß er am Schlüssesagt: Nunc ego suspiro novus ad nova praelia Uro.
e) Epistola ad gravionem Andegavensem. Der Brief, der mitHugo Ribomontensis sive Ambianensis überschrieben ist, stellt eine Antwortauf die Frage des Grafen von Anjou an den Verfasser dar, ob die Seele desMenschen aus dem Nichts oder aus schon vorhandenem Stoffe geschaffensei. Hugo geht hierbei von den verschiedenen Ansichten über Stoff und Zu-stand der Seele aus und weist irrige Anschauungen zurück, behandelt aberdie Fragen, die sich dabei ergeben, vorsichtig und summarisch, ohne irgendin die Tiefe einzugehen, da er ja an einen Laien schreibt. Besonders berührt erdie Fragen, wann die Seele in den Körper eintritt und ob die Seele Christiaus der menschlichen Herkunft von Adam mit der Sünde belastet gewesensei. Seine Antworten sind klug und zurückhaltend und er bittet den Grafen,wenn dieser Besseres, als er ihm habe schreiben können, über diese schwieri-gen Dinge in Erfahrung bringe, um dessen Mitteilung.
Ueberlieferung. Alle fünf Schriften stehen im Gothanus 11,136 s. XIII f. 64—91, xdie erste auch im Trecensis 469 s. XII (als Teil des Liber genesis et exodi versificatusf. 132—141, vgl. Huemer a. a. O. p. XVIII und VII f.) Ausgabe aller Schriften von J. Hue-mer, Hugonis Ambianensis sive Ribomontensis opuscula, Wien 1880, p. 1—40, von N. 5bei Martene et Durand, Thes. nov. anecdotorum 1, 481.
3. LAURENTIUS VON DURHAM
Laurentius ist in Waltham wohl erst nach 1100 geboren und trat zu Dur-ham ins Kloster, wo er Mönch und Vorsänger wurde. Er gewann die Gunstdes Bischofs Geoffrey, der ihn zum Kaplan erhob. Nach dessen Tode wider-setzte er sich der Wahl des Wilhelm Cumins, eines Kaplans des KönigsDavid von Schottland, und wurde 1149 Prior seines Klosters. NachdemHugo, Thesaurarius der Kirche von York, 1153 zum Bischof in Durhamgewählt worden war, begleitete er diesen nach Rom. Doch auf der Rückreisewurde er krank und starb in einem Dorfe in Frankreich im Jahre 1154.Jedenfalls hat sich Laurentius im bischöflichen Klerus zu Durham in ange-sehener Stellung befunden, so daß Galfred von Coldingham in seiner Hi-
1 Die Hs. stammt nicht aus saec. XII, vgl. J. Theele, Die Hss. des Benediktinerklosterszu Erfurt S. 146.