774 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
hervorgeht, daß 3,4 — die Sammlung ist in drei Bücher eingeteilt — 23 Di-stichen zählt, während Avian nicht über zwölf Distichen hinausging. DieErweiterung beginnt bei jedem Stück schon im Eingang, wo der Dichterstets eine Gottheit zur Unterstützung anruft, entweder eine Muse (auch deaCamena, numina, Maeonis) ganz allgemein, oder namentlich eine der neunMusen, 1 auch Phoebus oder Apollo. Diese Anrufung gibt Veranlassung zueiner kleinen Einleitung. Die Fabel selbst wird oft stark erweitert, wie etwaAvian 12, 5 zu 2, 13, 11—19 wird, wo die Opfer an die verschiedenen Götteraufgezählt werden. 2 Aber auch Text und Erzählung werden oft rechtwesentlich verändert und sind zuweilen mit Avian kaum noch zu verglei-chen. Ich glaube daher, daß dieser gar nicht die unmittelbare Unterlageabgegeben hat. Und wenn man 3, 7, 6 Huic, si vera ferunt, neque bos nequerura fuerunt mit dem bei Avian 20, 1 einzig entgegenstehenden Worte Pis-cator vergleicht, so wird diese Meinung fast zur Evidenz erhoben, nämlichdaß der Dichter einen schon wesentlich umgeänderten Avian vor sich ge-habt und benutzt hat. Das Zeitalter des Dichters läßt sich annähernd be-stimmen aus dem Alter des Bruxell. 10726.10729 (nämlich 12. Jahrhundert)und aus dem außerordentlichen Reichtum des Gedichtes an Reimen, der gutin die Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert paßt.
Zeugnisse. Zur Herkunft Fab. 1,1, 3 Vatis in Astensis sie sit tua copia mensis; 3,2,9Turbidus adsumptis Burbur pluvialibus undis Ollas iratis forte ferebat aquis; 1, 5, 25 ter-ms quas, Versa, fluendo pererras. Zu diesen Daten kommt noch ein Berg, 3, 5,13 Hiemons Frauduni vix vestrum sufficit uni, endlich der Hundename Lichas, wohl nach demDiener des Herkules gegeben, 2, 6, 25 Nempe canis quidam quam dieunt nomine Licham.Die Worte 1, 4, 2 Fama novi vatis crescat ut inde satis bezeugen, daß der Verfasser nochnicht viel an die Oeffentlichkeit getreten war; wenn es daher 3,1,1 heißt Auxilio Phoebiiam carmina multa peregi, Quae sunt digna toro Meonidumque choro, so bezieht sich dascarmina multa jedenfalls auf die Zahl der schon umgedichteten Fabeln. Doch denktder Verfasser hoch genug von sich, denn Prol. 5 heißt es Sic expurgatis vitiis dietaminavatis Sic bona fama vehat, mundus ut ipsa legat und Epil. 4 Carmina digna legi detis ubiquevehi. Vgl. zum Dichter ,Novus Avianus', herausgegeben von E. Grosse, Progr. vonKönigsberg 1868, S. 9 f., und Hervieux, Les fabulistes latins 3,181 ff., wo p. 183 mitRecht bemerkt wird, daß der Verfasser nirgends Gott und die Heiligen nennt. DieFabeln zeigen, wie ihre alte Vorlage Avianus, nirgends Christlichkeit, sondern gehenganz im heidnischen Wesen auf. Anlehnung an frühere Dichter ist selten. So 1,13,13florentibus herbis aus Verg. Ecl. 9,19. 3 Auf Horaz Carm. 2, 16, 27 f. bezieht sich 1, 5,15Metra ferunt vatum, nihil est ad euneta beatum. Das Wort Jovius (2, 8, 21) stammt wohlaus Chalcid. Tim. 72. Genaue Zusammenstellungen über den Reim bei E. Grosse a.a.O.p.7 ff. und bei Hervieux 3,186—193, 412—429. Im Prolog (Hervieux 3, 371) heißtes Vs. 1 Huc precor, invito cum Musis, Phoebe, venito, His me pro ludis vatibus adde tuis;der Epilog (p. 411) besagt Carmine finito favisti, Phebe, faveto, Et dabo pro voto debitathura foco. Finis adest artis, Musae, iam parcite cartis, Carmina digna legi detis ubiquevehi. Vorhanden war das Werk in Altenburg s. XIII ex. (Stud. u. Mitt. z. Gesch. d.Benediktinerordens 42, 237) Novus Avianus.
Ueberlieferung im Monac. 4652 s. XIII f. 47. Bruxell. 10726. 10729 f. 224 s. XII,9807 s. XII f. 138. Ausgaben von E. Grosse, Novus Avianus, Königsberg 1868, vonHervieux, Les fabulistes latins 3, 371—411; einzelne Stücke von Docen in AretinsBeyträgen z. Gesch. u. Lit. 9,1238, von E. du Meril, Poesies inedites du moyen äge(Paris 1854) p. 271—276. Vgl. Hervieux 3,181—206.
1 Calliope 1, 3. Euterpe 1, 5. 8. Melpomene rung Avians darstellen. Oder 3, 7, wo Vs. 31,10. Polyhymnia 2,2. Erato 2,3. Clio genitus Samo und 6 Huic si vera ferunt neque2,13. 14. 3, 2. 4. Terpsichore 3, 5. Thalia bos neque rura fuerunt Zusätze sind.
3, 6. 7. Urania 3, 8. 9. Numen (so statt No- 3 Alt klingt auch 1, 7,14 dux gregisatquemen) amoris 2, 4,1. pater; ob aus Ovid. Amat. 1, 326 und 522
2 Oder 3, 8, woVs. 7—12 lediglich Erweite- zusammengesetzt?