Druckschrift 
3 (1931) Vom Ausbruch des Kirchenstreites bis zum Ende des zwölften Jahrhunderts
Entstehung
Seite
772
Einzelbild herunterladen
 

772 Vierter Abschnitt. Die Dichtung

1,434 ff. und H. Oesterley, Romulus und die aesop. Fabel im Mittelalter (TWim1870) S. XXIV. l

Walthers Versifizierung der Romulusfabeln sie beruhen auf einemlateinischen Prosa-Aesop ist unvollständig und enthält 60 Fabeln. EinProlog von sieben Distichen ist vorangestellt. Hier spricht sich der Dichteraus, daß sein Werk nützen und erfreuen solle, wie ein Garten, der Blumenund Früchte erzeugt, und daß er zur Belebung seines Geistes geschriebenhabe; in seinen leichten Worten aber liege eine schwere Last von MoralWalther behandelt hier 58 eigentliche Fabeln, die beiden letzten Stückesind poetische Erzählungen oder Novellen in Versen mit moralischer Ten-denz. Walther hat die Romulusfabeln im allgemeinen recht frei in Disti-chen gebracht, aber den Stoff mit großer Treue wiedergegeben und die Mo-ral der Fabel in einem oder zwei Distichen stets mit übertragen. So istseine Arbeit eigentlich nur eine stilistische gewesen, aber die Nachwelt hatsie höher eingeschätzt, denn diese Sammlung (unter dem Namen Anon.Neveleti bekannt),Ut iuvet et 1 prosit conatur pagina presens" beginnendist für das weitere Mittelalter der eigentliche Aesop: keine der später ent-standenen Fabelsammlungen kann sich einer so außerordentlichen Ver-breitung rühmen und sie ist mehrfach in fremde Sprachen übersetzt worden.

Im Prolog heißt es (Hervieux 2, 385) Vs. 3 Hortulus iste park fructum cum flore,javorem Flos et fructus einunt; hie sapit ille nitet ... 7 Ne mihi torpentem sopiret inertiasensum . . . mens mea movit opus ... 13 Verborum levitas morum fert pondus honestum,Et nucleum celat arida testa bonum. Der Stil der Fabeln ist der der poetischen Erzählung,d. h. derjenige, den die Verfasser der mittelalterlichen elegischen Komödie verwenden,also meist knapp und bei aller Kürze doch übersichtlich und klar. Da Walther die Phä-drusfabeln erst aus der Uebertragung kennt, so entfernt sich natürlich sein Berichtim Wortlaute ziemlich stark vom ersten Original. Bekannt ist der Aesop dem Eberhar-dus Alemannus, der im Laborinthus 609 p. 358 Faral auf die oben berührten Worteder Vorrede anspielt Aesopus metrum non sopit, fabula flores Producit, fructum flosparit, ille sapit. Außerdem ist Albert von Stade mit dem Gedicht Walthers gut be-kannt, wie die Noten in der Ausgabe des Troilus von Th. Merzdorf (Leipzig 1875)erweisen; ebenso kennt es Odo von Sherrington. 2

Ueberlieferung. Bezüglich der sehr großen Anzahl von Aesopaufschriften in altenBibliothekskatalogen kann ein Zweifel walten. Indem nämlich in allen vor etwa 1200aufgenommenen Katalogen das Wort Aesopus gleich Romulus zu fassen ist, wird manfür die späteren entweder an Romulus oder an Walther zu denken haben, aber jedenfallsviel eher an diesen als an Romulus, da die vergleichsweise geringe Zahl der Romulushss.zu der weiten Verbreitung des Aesop in keinem Verhältnis steht. Hugo von Trimbergbezeugt, daß der Name Aesop für Walthers Werk durchaus verbreitet war, denn esheißt im Reg. mult. auet. 700 (ed. Huemer, Wiener SB. 116,180) Catonem in ordinesequitur Esopus, Clara cuius carmina lucent ut pyropus. Fertur is in Frigia quondamfloruisse et fabularum carmina dulcia finxisse: Ut iuvet et prosit etc. Ein Aesop wird erwähntin 46 Bibliotheken, und 1333 3 wurden die Fabeln für Johanna von Burgund ins Fran-zösische übertragen 4 (Compilacio Ysopi alata cum Avioneto) und von italienischenUebersetzungen scheint es mehrere zu geben; die eine wird in der Bibliothek des Angli-berto del Balzo (1487; Biblioth. de l'Ecole des chartes 62, 249 N. 64) genannt conligatoeun lo Ysopo in vulgare. Ueber die Hss. vgl. Hervieux, Les fabulistes latins 1, 460541. Zu nennen sind Paris. 8023 s. XIV f. 63, 8259 s. XV f. 73; 8460 s. XIV f. 48; 8509A. s. XIII. Paris, franc. 1594. Lugdun. Acad. des sei. lettres et arts N. 57 s. XIII. Berol.Meerm. 180 s. XIIXIII f. 100. Berol. lat. 87, 916 s. XIV f. 2 (61 Stücke) und Ham.

1 Hervieux 2, 385 druckt, wohl irrig, Ut lettres et arts N.57, beginnend (Hervieuxiuvet, ut prosit ; es fehlt wie bei allen seinen 1, 504) Ci comance Ysopet en romant que...Fabeldrucken die handschriftliche Gewähr. fait translater de latin en romant. .

2 Vgl. E.Voigt, Kleinere lat. Denkmäler 4 Der Epilog aus Paris, franc. 159* beider Tiersage (Straßburg 1878) S. 48. Hervieux 1, 483 ff. (bei K. McKenzie und

. 3 Gegen hundert Jahre älter aber ist die W. Oldfather, University of Illinois stu-Übersetzung im Lugdun. Acad. des sei. dies in lang, and litt. 5, 4, 256ff.).