Druckschrift 
3 (1931) Vom Ausbruch des Kirchenstreites bis zum Ende des zwölften Jahrhunderts
Entstehung
Seite
764
Einzelbild herunterladen
 

764 Vierter Abschnitt. Die Dichtung

zur Stadt Gent gehörte und Lehrer im dortigen Kloster Blandigny warsowie daß ihn ein enges Verhältnis mit der Kirche zu St. Pharahild in Gentverband. Seine Lebenszeit läßt sich genauer feststellen, denn er nennt denLeibarzt Ludwigs VI. Obizo, ferner den Utrechter Domherrn Blitero denVerfasser eines verlornen Gedichts auf Heinrich IV., den Bischof Anselmvon Tournai, Bernhard von Clairvaux, Abt Walther von Egmond. Da nunaber, wie E. Voigt nachwies, das sechste und siebente Buch und der EpiWdes Werkes das Unglück des zweiten Kreuzzugs ausf tiefste beklagt, so läßtsich feststellen, daß das große Gedicht erst im Jahr 1148 beendet wordensein kann. E. Voigt macht ferner auf die Möglichkeiten aufmerksam, 1 daßNivard zu Blandigny erzogen wurde, in Paris seine Studien gemacht undals Magister und Domherr zu St. Pharahild sein Werk verfaßt hat. Daßer Frankreich aus eigner Anschauung kennt, ist nicht zu bezweifeln, es istfür ihn das Land des Anstands und der vornehmen Sitte sowie der höherenBildung, und er ist ganz dafür eingenommen. Er nennt Reims häufig, aberer kennt auch Tours, Beauvais und Paris und die beiden berühmten KlösterGluni und Clairvaux; und es ist sehr bezeichnend, daß er den Wolf wie denEsel ihre Wohnsitze in das viel weniger gebildete Deutschland verlegen läßt.Jedenfalls steht Nivard ganz unter dem Zauber der Formen des romanischenLebens. Die höher gebildeten Tiere, die in seinem Gedicht auftreten, habenfranzösische Abkunft und reden die französische Sprache.

Ysengrimus. Das umfängliche Gedicht, das der Verfasser in siebenBücher teilte, nimmt in dem großen Gebiet der mittelalterlichen Tierdich-tung eine der ersten Stellen ein, denn es läßt alle ähnlichen Dichtungenhinter sich; es verdient durch seine äußerst geschickt angelegte Verteilungund Zusammensetzung des Stoffes den Namen eines Kunstwerkes und er-möglicht durch seine feinsinnig durchgeführte Allegorie und seine treffendeSatire einen tiefen Einblick in die Innenwelt des Dichters. Das setzt abereinen Verfasser voraus, der mit offenen Augen in der Welt stand und demdie einmal im Volksmund überlieferten Typen der Tiersage Führer zur Aus-gestaltung eines weiteren reichen Stoffes wurden. Es scheint nach den Unter-suchungen von E. Voigt die Annahme gerechtfertigt, daß der Dichtersichauf keine größeren geschriebenen Quellen verließ, sondern unter Benutzungder mündlichen Überlieferung aus freier Erfindung die Fäden weiterspann,die ihm die Tradition bot. Und man lernt ihn durch sein Werk als einenMann kennen, der mit dem tiefsten Ernste die Genußsucht, die Verwelt-lichung und den Mißbrauch der Macht mißbilligte, die sich bei der Kircheinfolge ihres Sieges über den Staat eingeschlichen und immer breiter ge-macht hatten. Er benutzt die seit langem hierzu verwendete Tierfabel, ummit überlegenem Spott dem lebenden Geschlechte einen Spiegel vorzu-halten.

Der Inhalt des Gedichts setzt sich aus Haupt- und Nebenfabeln zusam-men; diese werden an geeigneter Stelle eingesetzt, um die Charakteristikder in den Hauptfabeln auftretenden Tiere weiter auszuführen. Und gleichim Eingang werden Wolf und Fuchs so vorgeführt, daß der Leser mit we-sentlichen Eigenschaften der beiden Tiere vertraut wird. Der Fuchs be-

1 a.a.O. S. CXIXf.