648 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
Er erzählt, daß sich ihm, während er den von Wolken bedeckten, nörd-lichen Himmel betrachtete, von dort ein glänzendes Weib namens Ledagenähert habe. Sie war von auserlesener Schönheit 1 und ihre Kleider duftetenwunderbar. Zuerst scheute er sich vor ihr, sie sprach ihn aber an, er sollesich nicht fürchten, nahm ihn bei der Hand und küßte ihn. Dann erfuhrer von ihr, daß sie einst als Mädchen Leda geheißen habe, doch sie seidurch Jupiters Gnade an den Himmel versetzt und sei nun den Schifferngünstig, indem sie das Meer beruhige. Das habe ihr der allmächtige Jupiterverliehen, der sie nämlich in Gestalt eines Schwans bezwungen und sie dar-über getröstet habe, denn sie werde die Mutter von Kastor und Polluxund Helena werden, die, von Paris geraubt, die Ursache des troischenKrieges werden würde. Und so geschah es, denn sie habe außer den Zwil-lingen ein Mädchen von wunderbarer Schönheit geboren. Da erzählt derDichter, daß er ein schwarzbraunes Mädchen namens Albors kenne, dasvon allen wegen seiner Schönheit beneidet werde. Hiervon wird die Göttinstark getroffen und sie bittet den Dichter, ihr zu offenbaren, wer jenes Mäd-chen sei, sie werde ihm dafür in allem gefällig sein. Und so nimmt sie ihnher und küßt ihn gehörig ab. Darauf sagt er, er habe von ihr, der Leda,oft bei den Autoren gelesen, aber diesen nie recht geglaubt, jetzt aber seheer ein, daß sie wahr geredet hätten. Und so preist er dann Vs. 65—80 ihreSchönheit 2 und meint, Jupiter habe recht gehabt, sich in einen Schwan zuverwandeln und ihr zu nahen. Und nun erinnert er sie an ihr Versprechen,wenn er ihr über das schöne Mädchen Mitteilungen mache, was er nun tunwolle. Leda sträubt sich anfänglich, doch endlich läßt sie sich erweichenund er genießt ihre Liebe. Im vollen Liebesglück dünkt er sich mehr alsJupiter, da er selbst als Mensch eine Göttin überredet habe. Und er rühmtsich zuletzt, daß ihm dies von allen Menschen allein gelungen sei. Klüglichverschweigt er aber, worin die Mitteilungen über Albors bestanden haben.
Das Gedicht ist keck entworfen, denn daß dem Dichter eine Göttin vonden Sternen genaht ist, ist ein ungewöhnlicher Vorwurf; auch daß er denjedenfalls nicht fingierten Namen seiner Geliebten nennt und keine LydiaoderCynthia, spricht von einem gewissen Übermut. Doch macht W.Meyermit Recht darauf aufmerksam, daß ihm manche geschmacklose Dinge unter-laufen, wie Vs. 48 und gleich darauf 50 formosa plus quam rosa und diedoppelte Schönheitsschilderung Vs. 15—20 und 65—80.
Anfang Inaspectam nube tectam sero arcton intuens. Zu Albors Vs. 52At nunc qw;dam quf- sit edam. Albors nomen virginis Est nigell? cui puell;omnes . . . Inviderent, si viderent. Schluß 104 Arte mea capta dea solus inhoc lupiler. Gereimt sind also in jedem Verse die beiden Viersilber derersten Hälfte, während die beiden letzten Hälften zweier aufeinander fol-genden Verse reimen, und zwar ist der Reim mit wenig Ausnahmen rein; 3Hiat ist oft zugelassen.
Ueberlieferung im Cod. Lambeth palace 196 s. XII f. (auf den Vorstehblättern).Ausgabe von Wilh. Meyer, Ztschr. f. deutsches Altertum 50, 289—292.
1 Diese wird Vs. 5—20 ausführlich be- Maximian El. 1, 93.
schrieben. 3 Vgl. W. Meyer, Ztschr. f. deutsches AI-
2 Cuius mentum ul argentum, jrons et cer- tertum 50, 293.vix lactea, die letzten Worte entsprechen