592 Dritter Abschnitt. Die Geschichtschreibung
12. HERMANN VON KÖLN
Eines der wichtigsten selbstbiographischen Werke des Mittelalters ver-danken wir dem Kölner Juden Judas, der nach seinem um 1128 1 erfolgtenÜbertritt zum Christentum die Geschichte seiner Konversion eingehendund jedenfalls wahrheitsgetreu darstellte. Er widmet sie seinem FreundeHeinrich, der wohl auch, wie er, Kanoniker in Kappenberg war. Im Briefean Heinrich sagt er, daß er öfters schon gefragt worden sei, wie sich seinÜbertritt vollzogen habe, und damit Heinrich wisse, daß seine Konversionnicht so leicht gewesen sei, so wolle er ihm die Schwierigkeiten auseinander-setzen. Er habe Judas geheißen und sei Israelit vom Stamme Levi gewesen-zugleich nennt er Eltern 2 und Heimat. Mit dreizehn Jahren (1120) habe erim Traum eine Vision gehabt, daß er in einem Schlosse Kaiser Heinrichs V.mit diesem aus einer Schüssel gegessen habe; den Traum habe ihm ein Ver-wandter Isaac ausgelegt. Später (1127) kam er nach Münster, wo er denBischof viele alttestamentliche Stellen christlich und allegorisch erklärenhörte und diese Stellen waren ihm nicht unbekannt, da er sie oft in hebräischenHandschriften gelesen hatte. Und er ging öfters in die Kirche und wundertesich besonders über die Bilder von Christus, die diesen bald als Herrn, baldin tiefster Erniedrigung darstellten. Auch besuchte er öfters die Domschuleund lernte ungemein leicht lesen.
Dann hatte er eine Disputation mit Abt Rupert von Deutz, und großenEindruck auf ihn machte ein Erlebnis mit Richmar, dem Vorsteher desbischöflichen Haushalts in Münster. Er kam dann mit dem Bischof insKloster Kappenberg, wo er von dem geistlichen Leben der Brüder sehr ein-genommen wurde. Als aber der Bischof ein Darlehen von ihm aufgenommenhatte, zögerte dieser lange mit der Rückzahlung, und er ging nun nach Kölnzurück. Dort klagte ihn der zu seiner Leitung bestimmte Gelehrte Baruchbei den Eltern an, daß er schon halber Christ sei, und Hermann ist fest über-zeugt, daß sein Mentor zur Strafe nach fünfzehn Tagen gestorben sei. Nach-dem er in Askese verfallen ist und drei Tage gefastet hatte, disputiert er mitKlerikern über die Persönlichkeit Christi. Nun trat aber der Vater seinerBraut mit dem Wunsche an ihn heran, die Heirat mit seiner Tochter baldeinzugehen, doch er schützt vor, daß er der Studien halber nach Frankreichreisen müsse. Man glaubt ihm das nicht, da man weiß, daß er für das Chri-stentum eingenommen ist, und die Juden drohen ihn von der Synagogeauszuschließen, wenn er die Heirat nicht eingehe. So verheiratet er sichund bei seiner Hochzeit erscheinen auch Christen, die ihn ermahnen, sichtaufen zu lassen. Er gibt sich aber ganz seiner jungen Frau hin, doch nachdrei Monaten erfaßt ihn die Reue, er magert ab und siecht dahin. 3 Erst derVerkehr mit zwei religiösen Frauen hebt ihn wieder, sein Glaube wächst under sucht die Taufe nach, an der er seinen siebenjährigen Stiefbruder teil-nehmen lassen will. Doch die Juden wehren sich dagegen und stellen ihmnach. Sie senden heimlich den Volcuin, den Kaplan der Königin, zu den
1 Vgl. Aronius, Ztschr. f. Gesch. d. Ju- s Migne 170, 825 A lacrimae rivatim pro-den 2, 225 n. 36. fluere wie Macr. Sat. 7,12, 36 rivatim aquae
2 Der Vater hieß David, die Mutter Se- ... ejfluant.phora.