556 Dritter Abschnitt. Die Geschichtschreibung
geht. Es macht dann wirklich einen guten Eindruck, wenn der Verfassergleich darauf in Kap. 4 bekennt, daß er über die ganze folgende Zeit garnichts wisse; solche Offenheit ist damals höchst selten. So überspringt er denZeitraum bis 1034, um bald zu Theoderichs I. Zeiten zu kommen. Hier er-zählt er von dem Kleriker Marbod aus der Bretagne und dem Bischof Hugovon Langres, wie geschickt sie einst vor König Wilhelm I. von England la-teinische Verse machen konnten. 1 Recht eingehend wird dann Kap. 54 dieWahl des neuen Abtes Theoderich II. erzählt, wobei Sallust 2 und Macrobius 3angeführt werden. Um den Abt Wulfram von Prüm in einer Sache gefügigzu machen, schickt einst Theoderich zwei seiner Mönche namens Lambertnach Prüm. Sie werden dort sehr gut aufgenommen; der Abt hält sieeine Woche zurück, denn der ältere Lambert, der in Hofluft aufgewachsenwar, erfreute ihn beständig durch höfische Witze, während der jüngere ihmallerhand Geschichten aus alten Büchern erzählte, und der Abt z. B. diereizende Geschichte nicht oft genug hören konnte, wie der junge PapiriusPrätextatus seine Mutter getäuscht habe, um den Senatsbeschluß nicht zuverraten. Hiermit beginnen nun die von Lambert dem Abte erzählten Anek-doten, die hauptsächlich aus den Saturnalien des Macrobius stammen, aberauch aus Ciceros Offizien, Tuskulanen und De natura deorum sowie ausValerius Maximus genommen sind. Allerdings ist der Ort der Provenienznicht immer mit Sicherheit zu bestimmen. Es scheint nämlich, daß diese ganzeFlut von Geschichten einem Fazetien- oder Anekdotenbuch und nicht un-mittelbar jenen Quellen entnommen ist, denn der Bericht über Papirius istim Anfang so verändert, 4 daß er wohl erst mehrere Zwischenstadien zu pas-sieren gehabt hat, ehe er in diese Form kam. Überhaupt sind starke Ver-änderungen mit den Texten angebracht, das letzte Stück aus Macrobius(62 p.600, 41) ist sogar um einen Vers bereichert. 5 Der Verfasser erzähltdann mit großer Genauigkeit von der Vermehrung des klösterlichen Be-sitzes, mit größter Ausführlichkeit jedoch über die Anfänge Bischof Otbertsin Lüttich, und legt Kap. 71 p. 605 einen Brief des Abtes Jeronta vonDijon ein, wie auch 81 p. 614 und 83 p. 616 Briefe Theoderichs II.an die Lütticher Kirche und Hugos von Lyon an Urban IL, 84 p. 616f. Hu-gos von Cluni an jenen Papst eingeschaltet werden. 6 Sehr klar und deutlichwerden die Feindseligkeiten Otberts gegen den neuen Abt Wired geschildert,und nicht nur die Klagschrift Theoderichs IL gegen Otbert und Wired,sondern auch der Bann Urbans gegen Wired und der Brief des Papstes andie Lütticher Kirche wird vorgelegt. Die ganze geistliche Politik Otbertserfährt somit die schärfste Verdammung. Der Stil des Werkes ist sehr leben-dig und auf die aggressive Tendenz gut gestimmt; zuweilen läßt der Ver-fasser einen allgemeinen Gedanken aus Sallust einfließen, wie es die Sitte derZeit erheischte. 7
1 Vgl. 17 p. 577, 36 ff. sonst klingt hier manches ganz anders.
2 p. 596, 37 difficile — paratur aus Cat. 2. 5 Nihil magis duci convenire quam de om-
3 p. 596, 48 Maxima enim est pars bene- nibus cogitare.
ficii — iriimicuspossefieriaus Saturn. 2,7,11. 6 Ein Brief Otberts an den neuen Abt
4 60 p. 598, 29 Hie capitolium ingressus Wired c. 90 p. 621.
sub clamide patris latenter, ebenso 35 ante ' Vgl. P. Thomas, Rev. Beige de philol.capitolium iam senatu consulente; aber auch et d'hist. 3 (1924), 589 ff.