C. Kreuzzugsgeschichte 431
er mit literarischen Dingen beschäftigt gewesen zu sein und er ging zu seinerhöheren Ausbildung nach Frankreich, wo er noch 1162 anwesend war. 1Er war von vornehmerem Geschlecht, denn nach seiner Rückkehr wurdeer Vertrauter des Königs Amalrich von Jerusalem. Und bald befand er sichin einer hohen Stellung, denn 1167 weihte ihn der Erzbischof Friedrich vonTyrus zum Archidiakon seiner Kirche und übertrug ihm eine Gesandtschaftan den griechischen Hof, von wo er im folgenden Jahre zurückkehrte. Und1169 ward er an die Kurie gesandt und zwar zu einer Zeit, als er sich schonmit dem Gedanken trug, die Geschichte des Königreichs Jerusalem zuschreiben. Ohne Zweifel bewies er sich bei diesen bedeutenden Aufträgenals kenntnisreicher Kleriker, denn König Amalrich vertraute ihm bald dieAusbildung seines neunjährigen Sohnes Balduin 2 an und erhob ihn dannzum Abfasser der königlichen Briefe und zum Kanzler. Und im Jahre 1174erhielt Wilhelm durch seinen königlichen Schüler und Gönner Balduin IV. dasErzbistum Tyrus übertragen. Die Weihe zum Erzbischof erhielt er durch denPatriarchen Amalrich zu Jerusalem. Aber die Herrscherfamilie wußte denhochgebildeten Mann auch noch nach anderer Seite zu benutzen und zu för-dern. Längst hatte sich Wilhelm geschichtlichen Studien hingegeben und einWerk Historia de gestis orientalium principum begonnen. Anscheinend hatteer dies Werk mit der Herkunft, dem Leben und der Lehre Mahomeds begon-nen und dann die Geschichte des Kalifats sowie die Großtaten der Arabererzählt und damit wahrscheinlich die Geschichte anderer Länder und Reichedes Orients verknüpft. Hierzu hatte ihm König Amalrich arabische Quellenverschafft und ihn zur Abfassung aufgefordert. Das Werk, das mit dem Jahre612 einsetzte, umfaßte 570 Jahre und erstreckte sich also bis auf die Gegen-wart ins Jahr 1182. Es scheint aber gänzlich verloren zu sein, 3 was um somehr zu bedauern ist, als es jedenfalls eine der bedeutendsten historischenArbeiten der ganzen Zeit darstellte. Besonders war Wilhelm hierin dem Werkedes alexandrinischen Patriarchen Seith oder Eutychius gefolgt, wie erselbst angibt. In seiner jetzigen hohen Stellung nahm er 1177 an der drittenLateransynode in Rom teil und im Jahre 1184 war er noch mit der Fer-tigstellung seines zweiten Werkes, der erhaltenen Kreuzzugsgeschichte,beschäftigt; er hat sie aber nicht vollendet. Wann er gestorben ist, wird nichtüberliefert, doch berichtet sein Fortsetzer Ernoul, daß er in Italien auf Be-fehl des neuen Patriarchen Heraclius von Jerusalem durch Gift getötetworden sei.
Zeugnisse. Wilhelm hatte die Absicht gehabt, in seiner Kreuzzugsgeschichte 19,12nähere Daten über sein Leben seit der Rückkehr in die Heimat zu geben, denn in derÜberschrift jenes Abschnittes, dessen Zeit ins Jahr 1163 fällt, heißt es Describitur com-positoris huius historiae in patriam reditus et de eius processu aperiuntur nonnulla (Migne201, 759C). Das ist nun aber entweder nicht zur Ausführung gekommen oder ein Ab-schreiber, auf dessen Arbeit dann unsre gesamte Überlieferung zurückgehen müßte,hat die ganze Stelle ausgelassen. So beruht fast alles, was wir von dem Leben Wilhelms
1 Hist. rer. transm. 19, 4 (Migne 201, 2 Es ist der spätere König Balduin IV.
inu) quia nondum de scholis redieramus von Jerusalem (1173—1185).
sedtrans mare adhuc circa liberalium artium 3 Benutzt wurde es vom Verfasser selbst,
aetmebamur studia, quando Hierosolymis von Jacobus de Vitriaco in der Hist.
naec facta sunt. Doch kehrte er wohl 1163 Orient, c. 2—7 und im Tractatus de statu
^ uruck ; v gl.Roziere,Cartulairedel'eglise Saracenorum des Wilhelm von Tripolis,
au M. Sepulcre p. 231 N. 126. vgl. Prutz, NA. 8, 110—113.