D. Novelle, Archäologie, Memorabilia, Staatsschriften 261
"elms in kürzere Form zu bringen, um als Unterlage für die Kanonisationzu dienen. Johannes brachte daher Eadmers Werk in einen Auszug undstellte ein Vorwort an die Spitze, in dem Anselms ganze Persönlichkeitund Wirken in helles Licht gesetzt wird. Von selbständigen Zusätzen zumeigentlichen Leben hielt sich Johann aber fast ganz frei, nur daß er inKap. 15 1 ehi Schreiben Anselms an Erzbischof Thomas von York einlegte.Sonst fügte er am Schlüsse in Kap. 17f. 2 eine Anzahl Wunder hinzu, umdie Heiligkeit des Mannes zu erhöhen. In Wirklichkeit ist Anselms Lebenvon Johannes nur eine stilistisch glättende Überarbeitung zu kirchenpoli-tischem Zwecke. Gewirkt aber hat sie damals nicht, da York der Kanoni-sation wohl scharf entgegen war. — Vita Thomae Cantuarensis. Nie-mand kannte wohl den Thomas Becket besser als Johannes, der ihm imLeben zur Seite gestanden hatte und bei seinem Tode zugegen war. Erkonnte daher einen wahrheitsgetreuen Bericht über Leben und Wirken desMannes geben. Seine Schrift hatte wohl den doppelten Zweck, einerseitsfür die Heiligsprechung als Grundlage zu dienen und andrerseits den jeden-falls schon reichlich emporwuchernden Sagen über den Tod des Kirchen-fürsten und über die dazu führenden Ursachen entgegenzutreten. So setztJohann dem ermordeten Gönner und Freund ein Denkmal, das ungemeininteressant zu lesen ist, denn ein Drama spielt sich vor dem Auge des Lesersab. Johann ist ja vor allen andern imstande gewesen, die Dinge richtig dar-zustellen, da er den Konflikt zwischen König und Erzbischof schon in seinenersten Anfängen verstehen gelernt hatte, wenn er auch natürlich auf derhierarchischen Seite stand. Der tiefe Ernst, von dem die kleine Schrift ge-tragen ist, hat es wohl bewirkt, daß Johann hier von seiner gewohntenZitierfreudigkeit völlig Abstand genommen hat.
g) Carmen de membris conspirantibus. Sehr zweifelhaft ist, ob dasin der Erstausgabe des Policraticus abgedruckte Gedicht auf Johanneszurückgeht. Es behandelt den gleichen Stoff, der im Polier. 6, 24 3 als Apo-logus in Prosa erzählt wird und der in letzter Linie auf die Phädrusfabel(ed. L.Müller 7, 14 p. 93) zurückgeht, die im lateinischen Romulus (ed.G. Thiele N. LXVI p. 220ff.) Aufnahme fand. Die Erzählung ist hier sehrbreit ausgesponnen und der Aufruhr der Glieder gegen den Magen wird aufihre Beeinflussung durch die Zunge zurückgeführt.* Da dies Moment beiJohannes gänzlich fehlt, dort aber die Wiederherstellung der Ruhe dem Her-zen beigelegt wird, 5 was wieder im Gedicht unberührt bleibt, 6 'so erscheintes fast als ausgeschlossen, daß Johannes der Verfasser sein könnte. Zu demgleichen Resultat ist auch Schaarschmidt S.277L auf anderem Wegegelangt, freilich aus Gründen, die mir nicht gerade stichhaltig erscheinen.Denn stümperhaft ist das Gedicht doch gerade nicht, und den Stil mit demEntheticus zu vergleichen, ist nicht geraten, da beide Gedichte von ganzverschiedener Natur und Anlage sind. 7
Giles 5, 348f. « Auch hier verhandelt wieder die Zunge,
Giles 5, 352—357. vgl. Vs. 131 ff.
2. 71, 19—72, 26 ed. Webb. ' Auffällig ist für beide der Mangel am
5 7ir\ Vs - 6 ~ 102 (Gües 5, 299—392). leoninischen Reim.Webb 2, 72, 11 f.