EINLEITUNG
Die ganze Epoche, die wir jetzt darzustellen haben, wird von demgrößten Ereignis der gesamten mittelalterlichen Geschichte eingenom-men, dem Kampfe der Kirche gegen den Staat. Die kluniazensische Reformhatte nach und nach große Kreise gezogen und war dadurch, daß Rom inihr bald einen bedeutenden Machthebel erkannte, zu Dauerund Wirksamkeitgelangt, so daß die anfängliche Gegnerschaft des hohen weltlichen Klerusihr keinen Eintrag mehr tat. Der bewunderungswürdigen Diplomatie Romsgelang es aber, die auf der Reform aufgebauten Ideen so zu entwickeln,auszubilden und sich dienstbar zu machen, daß die Kurie erst hierauf ihreWeltherrschaft gründen konnte. Dabei kamen ihr allerdings die politischenZustände in Deutschland ungemein zu Hilfe. Die späteren Ottonen unddie ersten Salier hatten nämlich von dem durch Otto I. erworbenen Rechte,daß jede Papstwahl die Restätigung des deutschen Königs bedürfe, durch-aus Gebrauch gemacht und erst Heinrich III. hatte auf die bisher vomKönig unbeschränkt geübte Simonie bei den Rischofswahlen Verzicht ge-leistet. Daß er durch das Vordringen der Reformideen bestimmt wurde,dieses wichtige Recht aufzugeben, war eine ebenso starke Renachteiligungder königlichen Stellung, wie es eine nicht geringe Kräftigung der Kuriebedeutete, daß sich die Ehelosigkeit der Geistlichen langsam durchsetzte.Und als Heinrich III. 1056 in noch jungen Jahren starb, wurde der Throneinem Kinde zuteil, dessen Mutter bald das Regiment mit einigen Reform-bischöfen teilen mußte. Drei Jahre später wurde in Rom auf Veranlassungdes scharfsinnigen Kardinals Hildebrand das neue Papstwahldekret durch-gesetzt, das die Wahl des römischen Rischofs in die Hände der Kardinälelegte und der deutschen Königsmacht damit schweren Abbruch tat. DieKurie hatte sich dadurch der unmittelbaren Reeinflussung durch dendeutschen König entzogen. Und als Heinrich IV. selbst die Herrschaftergriff, geriet der willensstarke und oft wenig vorsichtige junge Mann inschweren Zwist mit den Sachsen, in deren Lande er Rurgen baute, die demmißtrauischen Volksstamm ein Dorn im Auge wurden. Schon war Hilde-brand als Gregor VII. in eben nicht sehr gesetzmäßiger Weise zum Papstgewählt worden und er griff bald in den Streit Heinrichs mit den Sachsenein. Da sich Heinrich weigerte, sich von einigen durch den Papst gebann-ten Räten zu trennen, so wagte es Gregor schließlich, den König selbst zubannen. Die Reformideen hatten aber in Deutschland schon zu viel An-hänger gefunden, und so mußte der König darauf ausgehen, Gregor zurLösung vom Ranne zu zwingen unter politischem Druck (Canossa 1077).Doch schon hatte sich Deutschland 1 in eine königliche und päpstlichePartei gespalten und ein Gegenkönig Rudolf wurde gewählt.
So war der große grundsätzliche Streit zwischen beiden Gewalten involler Schärfe ausgebrochen, Regnum und Sacerdotium standen sich ge-rüstet gegenüber. Indes hatte die Kirche noch einen weiteren Angriffs-
1 Wohin der Gemeinfreie neigte, wissen wir nicht, da alle unsre Berichte aus geist-licher Feder stammen.