Druckschrift 
2 (1883)
Entstehung
Seite
705
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Die Synlax der Höflichkeit.Ich. 705

vorkommt, würde ich noch vor kurzem bestritten haben,inzwischen habe ich mich vom Gegentheil überzeugt, zumbesten Beweise, wie unachtsam man an manchen Dingen,die Einem zur [Gewohnheit geworden sind, vorübergeht,bis irgend ein besonderer Anlass die Aufmerksamkeitdarauf lenkt. Die Belege für meine Behauptung enthaltendie gangbaren Höflichkeitsphrasen: bitte (auch verdoppelt:bitte, bitte), danke, bedauere sehr, gratuliere bestens, habedie Ehre u. a. m. Der Grund, warum man bei ihnen dasIch weglässt, kann nicht in dem Bestreben nach Kürze,sondern nur in dem obigen Gesichtspunkte der vermeint-lichen Bescheidenheit gefunden werden, denn Niemandsagt: befehle, will, erwarte, versichere, bestreite etc., wieer es ja, wenn jener Grund der richtige wäre, sagenmüsste, das Ich verkriecht sich also bei jenen Phrasennur der Bescheidenheit wegen, wir besitzen darin nocheinen Rest aus der unnatürlichen Höflichkeitssprache desvorigen Jahrhunderts.

Die zweite Form der Umgehung des Ich besteht inder gegenständlichen Bezeichnung desselben, das Ich sprichtvon sich wie von einer dritten Person. Beispiele aus demheutigen Leben gewähren die Wendungen des Curialslyls,mittelst deren der Verfasser einer Eingabe sich als drittePerson einführt (z. B. der gehorsamst Unterzeichnete) unddie Formen der schriftlichen Einladungen (Herr und Frauso und so beehren sich etc.). In der mündlichen Rededürfte diese Form bei uns kaum noch vorkommen. Der

v. Jhering, Der Zweck im Eeclit. H. 3. Aufl. 45