Die Phraseologie der Höflichkeit — epithela ornantia. 683
dem Namen des Angeredeten gewisse stereotype Prädicatehinzuzufügen und zwar nach Verschiedenheit des persön-lichen Verhältnisses bald solche, welche die Achtung, Ver-ehrung, Devotion, bald solche, welche das Wohlwollen, dieFreundlichkeit, Liebe ausdrücken.*) Beide sind der Sittezufolge obligat**); die Beschränkung der Anrede auf denNamen oder nach französischer Sitte mit Mein Herr würdeeine Grobheit enthalten. Der Deutsche verlangt, dass derSchreibende ihm einen Spiegel vorhalte, der ihm sein Bildim vortheilhaftesten Lichte zurückwirft. Für die Wahl die-ser stereotypen Ausdrücke (reflectirender Höflichkeits-formen) ist das persönliche Verhältniss massgebend. Sicheiner fernstehenden Person gegenüber der Wendungen desWohlwollens zu bedienen, würde eben so ungehörig sein,als einem Freunde gegenüber die der Hochachtung oderVerehrung zur Anwendung zu bringen, das zwischen bei-den Personen bestehende Verhältniss, ob es ein näheresoder ferneres ist, soll aus der Anrede erhellen.
*) Wendungen der ersten Kategorie: hochgeschätzt, geehrt,hochgeehrt, hochzuverehrend, verehrt — der zweiten: lieb, werth,theuer. Die ersteren sind absoluter, die letzteren relativer Art, jenesagen aus: was die Person an sich, diese: was sie dem Redendenist, darum passl nur zu letzteren das Pronomen possessivum mein(mein lieber Freund, nicht mein hochzuverehrender Herr Präsident),die Sprache hat hier ein grosses Feingefühl bewährt.
**) Auch in diesem Punkt hat die Sitte vielfach die Gestalt derreglementirten Höflichkeit angenommen, Beispiel: die offlciell vor-geschriebenen Anredeformen an den Landesherrn bei Eingaben andenselben: Grossmächtigster — Allerdurchlauchtigster u. s. w.,früher auch bei Anreden an die Behörden.