Druckschrift 
2 (1883)
Entstehung
Seite
667
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Der Sündenfall der Sprache. 667

Menschenpaares. Als Adam und Eva vom Baume derErkenntniss gegessen hatten, erkannten sie, dass sie nacktseien, und legten sich ein Feigenblatt vor. Derselbe Vor-gang spiegelt sich in der Geschichte der Höflichkeit ab.Alles wiederholt sich hier Zug für Zug: der ursprüng-liche Zustand der Unschuld und Naivetat, die Schlangedes Paradieses, der Sündenfall, die Erkenntniss der Nackt-heit, das Feigenblatt. In jenem ursprünglichen Zustandeder Naivetät treffen wir die Höflichkeit im klassischenAlterthum: hier ist noch alles reine Natur, nichts Gekün-steltes, Gesuchtes, Gemachtes, Verschrobenes, Jeder redetden andern mit Du und bei seinem Namen an, den Königwie den Bettler, nur die Epitheta ornantia (s. u.), diejedoch der Sprache nicht die mindeste Gewalt anthun, hatder Hochstehende vor dem Niedrigen voraus, im übrigenaber ist die Sprache eine und dieselbe für alle Stände,Personen, Verhältnisse.

Statt jener einen Sprache haben wir heutzutage zwei:die allgemeine und die der Höflichkeit. Jener bedienenwir uns, wenn wir von Jemandem, dieser, wenn wir zuihm reden. In jener hätte Jemand, der zu LebzeitenGoethes von ihm sprechen wollte, einfach sagen können:Goethe hat gesagt, in dieser hätte er, indem er diesWort an ihn selber richtete, sich so ausdrücken müssen:Sie — oder Excellenz haben gesagt — dort der Nameder Person und der Singular des Verbum, hier der Pluraloder eine unpersönliche Bezeichnung, hinter der kein