274 Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
Innehallung der Sonntagsfeier ist keine moralische Hand-lung, die Uebertretung derselben keine unmoralische; sonstmüsste der Arzt, der am Sonntage dem Kranken ärztlicheHülfe bringt, und der Apotheker, der ihm die Arzenei be-reitet, unmoralisch handeln, und unsere öffentlichen Ver-kehrsanstalten: die Posten, Eisenbahnen müssten des Sonn-tags feiern. Die Sonntagsfeier gehört nicht der Moral, son-dern der Sitte an. Sehen wir zu, was die Sitte mit ihrbezweckt. Der Zweck liegt nicht iu dem bloss Negativendes Nichtarbeitens, sondern in demjenigen, was dadurchpositiv erreicht werden soll: Ausspannung von Körper undGeist, Sammlung des Gemüths, Einkehr in sich selbst, Er-hebung zu Gott, Besuch des Gottesdienstes, Stärkung zurArbeit der neuen Woche, kurz die Sonntagsfeier ist nichtSelbstzweck, sondern Mittel zum Zweck.
Damit aber haben wir für die Sitte auch an diesemFalle dieselbe Function constatirt, wie an den beiden obigenFällen, nämlich, etwas gesellschaftlich Werthvolles herbei-zuführen, indem sie die Bedingungen desselben herstellt,nur dass dasselbe hier nicht negativer, sondern positiverArt ist. Die Sonntagsfeier soll nicht das gesellschaftlichSchädliche abwehren, wie in den beiden obigen Fällen,sondern das gesellschaftlich Vortheilhafte ermöglichen, erleichtern. Dasjenige, was sie vorzeichnet, ist ebensowenigwie dasjenige, was die Sitte in den beiden obigen Ver-hältnissen erfordert, an sich gut, aber dasselbe kann undsoll als Mittel dienen, dass das Gute daraus entstehe —