Die Sitte. — Der Streit unter Gebildeten. 271
licher Theil davon auf Rechnung der mangelnden Schutz-anstalt der Sitte kommt. An den abschüssigen Stellen desWeges, die in die Tiefe führen, schlägt die feine Sitte fürden Mann der gebildeten Klasse, den die Erziehung ge-wöhnt hat, sie unverbrüchlich zu beachten, eine Barriere,die ihn vor der Gefahr in die Tiefe zu stürzen bewahrt,während der gemeine Mann, der denselben entbehrt, derGefahr ausgesetzt ist, wenn einmal sein Fuss strauchelt,haltlos von einem Absatz zum andern in den Abgrund zurollen. Sein Verhängniss war der in den Kreisen, indenen er aufgewachsen ist, und in denen er sich bewegt,herrschende Umgangston, — er ward das Opfer der dortfehlenden feinen gesellschaftlichen Form.
Das also ist der hohe Nutzen der feinen Form, dasssie den Streit auf den Streitsloff beschränkt und der Ge-fahr vorbeugt, dass nicht der Streit den Streit nähre, dassnicht nutzlos Oel ins Feuer gegossen, nicht die Flammezum Brande entfacht werde, und sie bewirkt dies dadurch,dass sie eine Ordnung des Streits vorzeichnet, wie derProcess es für das Rechtsverfahren, wie die Regeln desDuells es für letzteres thun, kurz gesagt: sie bewirkt eineDisciplinirung des Streits unter den Gebildeten. Ihrenhöchsten Werth beweist sie im völkerrechtlichen Verkehr,denn wenn irgendwo, so gilt es hier, die vorhandenenwirklichen Differenzen nicht durch nutzlose Zuthaten zusteigern, und die sprüchwörtlich gewordene Glätte desDiplomaten, dem es zukommt, den völkerrechtlichen Ver-