Die Sitte. — Der Streit unter Gebildeten. 269
Gegensatzes der Ansichten und Interessen mit einander zuverkehren. Es ist der grösste Triumph, dessen sich diegebildete Gesellschaft in Bezug auf die durch sie beschaffteGestaltung des geselligen Verkehrs rühmen kann, dass aufihrem Boden selbst Todfeinde sich begegnen können, darinliegt eine ungleich werthvollere Leistung, als in alle dem,was Geist, Witz, Kunst, Luxus beizusteuern vermögen, umdenselben zu schmücken. Die feine Sitte gewährt Jedem,der ihn betritt, das volle Gefühl der Sicherheit, auch hieralso bewährt die Sitte die Function, die wir ihr in demobigen Verhältniss bei der Frau nachgerühmt haben: dieSicherheitspolizei des Sittlichen.
Wo sie dieses ihres Amtes nicht waltet, fehlt es ander vollen Sicherheit, und an solcher Stelle muss auch derFriedfertige wie auf unsicherer Landstrasse gewärtigen,dass er angefallen wird. Darum ist es nicht Hochmuth,wenn der Gebildete eine Berührung mit rohen Leuten mei-det, welche ihn solchen Gefahren aussetzen kann, sondernwohlangebrachte Vorsicht. In Japan war den Mitgliedernder einst herrschenden Kriegerkaste (Samurai) der Besuchvon Vergnügungslokalen des Volks: Theatern, Badehäusernu. s. w. streng untersagt, und wer an solchen Orten mitJemandem aus dem Volk in Streit gerieth, büsste es mitdem Tode. So verlangte es das politische Interesse desherrschenden Standes, das jeden Anlass zu einem GonQictemit dem Volk, aus dem eine Auflehnung gegen seine be-vorrechtete Stellung hervorgehen konnte, sorgsam meiden