Druckschrift 
2 (1883)
Entstehung
Seite
259
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Die Sitte. Praktischer Zweck. 259

Motiv der Sitte in keiner Weise ausreicht, das wahre Wesenderselben zu erschliessen, wird durch die folgende positiveDarlegung ihrer wahren Bedeutung in dem Masse ausserallen Zweifel gestellt werden, dass ich es für überflüssighalte, dieselbe, wie es der Strenge nach hätte geschehenmüssen, durch den negativen Beweis der Unzulänglichkeitjener Auffassungsweise vorzubereiten, nur beispielsweisewerde ich dieselbe, wo sich mir die Gelegenheit dazu bietet,an einzelnen Fällen veranschaulichen.

Versuchen wir uns des praktischen Zweckes, den dieSitte im Auge hat, zu bemächtigen. Ich schlage dabeiden heuristischen Weg ein, d. h. ich werde dem Lesernicht die Ansicht, die ich selber mir über den Zweck unddas eigenthümliche Wesen der Sitte gebildet habe, fertigvorführen, sondern er selber soll sie finden. Ich führeihm einige Verhältnisse vor, die ihn dazu in Stand setzenwerden.

Die feinere Sitte der höheren Stände untersagt demMädchen und der Frau des Abends ohne Begleitung aus-zugehen, Männer auf ihrem Zimmer zu besuchen, undmanches dem ähnliche. Warum? Das ästhetische Motivder schönen Form reicht hier in keiner Weise aus, dennunschön ist es nicht, wenn z. B. ein Mädchen, um fortander Kürze wegen dessen allein zu gedenken, in schönerMondnacht an einsamer Stelle im Walde sich lagert, umder Nachtigall zu lauschen oder sich am Mondscheine zu

erfreuen. Um der üblen Nachrede zu entgehen? Die Rück-

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