258 Ka P- Et. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
abgefunden wird*). Dass die Sitte eine eminente praktischethische Bedeutung hat, und wie sich dieselbe von der derMoral unterscheidet, ist bis auf den heutigen Tag meinesWissens noch von Niemandem nachgewiesen, ja nicht ein-mal angedeutet; ein abermaliger Beleg für den von mirder modernen Ethik gemachten Vorwurf ihrer geringen Be-obachtungsgabe für die Thatsachen des Lebens und derihr mangelnden praktischen Auffassungsweise.
Die Sprache hat den Unterschied zwischen Moral undSitte richtig herausgefühlt, aber der Gesichtspunkt derblossen Form oder der Art des Benehmens, den sie ver-wendet, hält die Probe nicht aus. Er trifft weder überallzu, noch trifft er, wo dies der Fall, das Wesen der Sache.Die Form ist nur das Aeussere, aber unter dem Aeusserenversteckt sich ein realer, praktischer Zweck, den dieSprache nicht kund gegeben hat. Wer bloss, wie wir esoben bei unseren sprachlichen Untersuchungen über dieSitte gethan haben und thun mussten, die Aussage derSprache über sie registrirt, gelangt über den Gesichtspunktder wohlthuenden, passenden, anmuthigen, schönen Form,kurz über die ästhetische Bedeutung der Sitte nichthinaus, die sittliche Bedeutung derselben bleibt ihm da-bei gänzlich verschlossen. Dass aber dieses ästhetische
*) So z. B. von H. Martensen (Bischof von S.eeland). Diechristliche Ethik, Aufl. 2, Gotha 1873, Bd. <. S. 537, welcher dasAnständige als »die ästhetische Seite der sittlichen Persönlichkeit, denäusseren Widerschein in dem ganzen .Wesen, Auftreten der Persön-lichkeit« definirt.