Die Silte. — Kriterium der Unsitte. 255
der es stehen lässt; der Boden der Sitte hört darum nichtauf ein guter zu sein, weil sich unter dem Weizen aucheinzelnes Unkraut findet.
An solchem Unkraut fehlt es auf dem Boden unsererheutigen Sitte nicht. Ausser dem Duell nenne ich bei-spielsweise die oben berührten Leichenschmäuse und dasTrinkgelderwesen. Erstere sind dem Verdammungsurtheildes sittlichen Gefühls wohl in den meisten GegendenDeutschlands bereits erlegen, während das Trinkgelder-unwesen eher im Wachsen als im Abnehmen begriffen ist.Wenn ich letzteres für eine Unsitte erkläre, der die Gesell-schaft allen Grund hätte sich je eher je lieber zu erwehren,so habe ich mich darüber schon an der oben (S. 249) ge-nannten Stelle ausgesprochen.
Das Unkraut enthält eine Anklage für den Gärtnerder es stehen lässt, die Unsitte eine Anklage für die Ge-sellschaft, welche sie duldet. Jeder Einzelne kann undsoll für seinen Theil dazu beitragen, ihr ein Ende zumachen, und was der Einzelne nicht vermag, vermögenAssociationen. In dieser Beziehung herrscht freilich beiuns eine grosse Stumpfheit und Indolenz. Man kann täg-lich Klagen vernehmen über Missstände und Ausartungendes gesellschaftlichen Lebens, in der Verdammung derselbenist Jeder einverstanden, aber kaum Einem kommt der Ge-danke, dass er damit sich selber anklagt, und dass es janur von ihm abhinge sich praktisch ihnen zu widersetzen,es ist das bekannte Beispiel vom Stein im Wege, an dem