Druckschrift 
2 (1883)
Entstehung
Seite
225
Einzelbild herunterladen
 

Der TugendbegrilT. 225

glauben, dass sie uns folgende zwei Sätze erweisen würde*).Für die Urzeit: dass die sprachliche Bezeichnung der Tu-gend bei vielen Völkern derjenigen Eigenschaft oder dem-jenigen Berufe entlehnt worden ist, der für sie auf ihrerdamaligen Gulturslufe in erster Linie stand, also z. B. beieinem Hirtenvolke dem Reichthum an Heerden oder derPflege des Viehs, bei einem Ackerbau treibenden Volkedem Fleisse des Landmanns, bei einem Handelsvolke dergeschäftlichen Gewandtheit oder Verschlagenheit, bei einemkriegerischen Volke dem kriegerischen Muthe. Als zweitenSatz: dass der Tugendbegriff bei unveränderter Beibehaltungdes ursprünglichen Ausdrucks im Laufe der Entwicklung ineben dem Masse sich erweitert hat, als die Erfahrung überdasjenige, was der Gesellschaft dienlich und förderlich ist,zugenommen, und als der gesellschaftliche Zustand selber

*) Ich kann nicht umhin, hier dem dringenden Wunsche, denich so oft schon empfunden habe, Worte zu leihen, dass doch dievergleichende Sprachwissenschaft in Bezug auf diese und ähnlicheFragen der Ethik einmal zu Hülfe käme. Wie ausserordentlichwerthvolle Dienste konnte sie ihr leisten, wenn sie mit ihren Mittelndie ursprünglichen Ausgangspunkte der sittlichen Begriffe und ihrallmähliches Wachsthum darlegte. Bei jeder derartigen Frage istmir stets der Mangel dieser Unterstützung von Seiten der Sprach-wissenschaft fühlbar geworden, und doch reichen die Resultate, dieich mit meinen geringen Mitteln gewonnen habe, bereits aus, um zuzeigen, welcher Schatz in der Sprache verborgen liegt, und dass es,wie Lichtenberg sagt, nur des Denkens bedarf, »um in der Spracheviele Weisheit eingetragen zu finden«. Wie verdient könnten sichunsere Akademien und philosophischen Faculläten machen, wennsie einmal derartige Fragen stellten und damit die Sprachwissen-schaft zu dem Dienste entböten, den sie der Ethik leisten kannund soll.

v. Jkering, Der Zweck im Bocht. II. U. Aufl. 15