Druckschrift 
2 (1883)
Entstehung
Seite
124
Einzelbild herunterladen
 

124 Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.

göttliche Offenbarung durch das Christenthum hinzu. Damitist der Geschichte der Zutritt gewährt, aber nicht der volle,freie, wie sie ihu begehren kann, sondern nur ein höchstbeschränkter. Die Thüre für sie wird nur geöffnet, umsich sofort wieder zu schliessen, mit dem einen Acte derOffenbarung hat die Geschichte sich für die theologischeEthik, wenigstens die protestantische, vollständig erschöpft,nur die katholische Kirche hat sich in dem göttlichen Lehr-amt, das sie sich zuspricht, die Möglichkeit einer histo-rischen Fortbildung des christlich sittlichen Kanons gewahrt.Aber in Bezug auf den entscheidenden Punkt: die Bean-spruchung des absoluten Charakters der, sei es durcheinmalige oder durch fortgesetzte göttliche Offenbarung, derMenschheit übermittelten sittlichen Wahrheiten stimmt diekatholische Lehre mit den übrigen christlichen Confessionenüberein, und damit ist die Geschichte im Principe negirt.Keine auf dem Grunde dieser Lehre erbaute Ethik kanneinräumen, dass eine der Wahrheiten, die sie als solchelehrt, diesen Charakter jemals einbüssen könne, oder dassdas Gegentheil derselben, wenn es auch thatsächlich nochso lange und fest bestanden habe, jemals Wahrheit gewesensei. Der Massstab der Wahrheit ist einmal ein absoluter;was nicht Wahrheit ist, kann nur Irrthum sein, umdiesen Satz dreht sich der ganze Gegensatz der geschicht-lichen und ungeschichtlichen Theorie des Sittlichen.

Die oben charakterisirte philosophische Behandlungs-weise der Ethik macht aus derselben einen Zweig der