Ungeschiclitlicher Charakter der psychologischen Ethik. 123
empfundener Uebelstände bewirkten gewaltigen Umwälzungdie reale Welt eine andere geworden ist; — um den Men-schen von seinen Banden zu befreien, muss das Leidendem Denken, der Einsicht zu Hülfe kommen.
Ich habe die herrschende Behandlungsweise der Ethikals die ungeschichtliche charakterisirt, ich füge diesernegativen Charakteristik die positive hinzu, die ich eben-falls mit einem einzigen Wort glaube erbringen zu können,nämlich mittelst des Ausdruckes psychologisch. Damitglaube ich zugleich die richtige Stellung angegeben zuhaben, welche die bisherige philosophische Ethik im Ge-sainmtzusammenhange der Wissenschaften einnimmt. Istdie menschliche Seele der Sitz und die Quelle des Sitt-lichen, braucht der Forscher nur hinabzusteigen in dasInnere des Menschen, um ihm den ganzen Inhalt des Sitt-lichen zu entnehmen, so bildet die Ethik einen Zweig derPsychologie. Sie tritt damit auf eine Linie mit der Logik,letztere hat zu ergründen die dem Menschen angebornenGesetze des Denkens, jene die ihm angebornen Gesetzedes Handelns, beide entlehnen ihre Kenntniss der Natur.
Von dieser psychologischen und eben darum notb-wendigerweise ungeschichtlichen Theorie der Ethik ist eineandere zu unterscheiden, welche die Bedeutung der Ge-schichte für die Theorie des Sittlichen in beschränkterWeise zugibt; es ist die christlich-theologische. Zuder Natur als Quelle der sittlichen Erkenntniss, die auchsie nicht bestreitet, gesellt sich für sie noch die positiv-