250 Baku.
Morgen abgehen sollte. Glücklicherweise verlief die Sacheleichter als ich gedacht hatte; der Gouverneur, welchem ichmein Anliegen sofort vortrug, befahl für Ali auf Grund seinerübrigen ordnungsmässigen Papiere einen Auslandspass aus-zustellen, und uns blieb der Nachmittag und Abend zu einerflüchtigen Besichtigung der Stadt und einem Besuch der sehrinteressanten sogenannten heiligen Feuer. Die Stadt selbstbietet ausser dem bunten Getümmel, welches jeden Ort imOrient characlerisirt, herzlich wenig; ihre Lage inmitteneiner unendlich öden und kahlen Landschaft ist recht traurigund auch im Hafen war zur Zeit unserer Durchreise wenigLeben. Die Strasse längs des Hafens hat in neuester Zeitgrosse stattliche Steinhäuser erhalten und weist recht wohlbestellte Läden auf, in welchen selbst Sardinen und Gänse-leberpastete zu haben waren; das Innere der Stadt ist da-gegen rein orientalisch. Der Palast der früheren Chane istein zerfallenes weitläufiges Gehäude mit schön ornamentirtemThore, dessen zarte Arabesken indess von der engen Strasseaus nur schlecht gesehen werden (besser vom Dache einesder gegenüberliegenden Häuser), und die einzige sonstigeMerkwürdigkeit ist ein eigenthümlich gestalteter Thurm amMeere, von welchem Dumas eine sehr romanhafte Geschichteerzählt; ein Chan von Baku baute ihn auf Wunsch seinerTochter immer höher und höher und als schliesslich das letzteStockwerk vollendet war, stürtzte sich diese von oben herabin das Meer. Zartgefühl und Liebe, welche ihren Entschlussveranlassten, sind jedoch im Orient zu unbekannte Dinge,um einen solchen Roman, der an den Ufern des Rheins rechtam Orte wäre, nach dem prosaischen Baku verpflanzen zudürfen. Im Bazar herrschte viel Leben und doch sahen wirnichts aussergewöhnliches oder neues; ein Geldwechsler,welcher ziemlich einen Scheffel Silbergeld vor sich stehenhatte, setzte unser letztes russisches Papier in persische Qransum, eine Vorsicht unsererseits, die sich schliesslich als gänz-lich überflüssig erwies, denn in Nordpersien nimmt man viellieber das russische Kleingeld (20 und 15 Kopekenstücke), alsdie einheimischen, oft verfälschten und beschnittenen und