Druckschrift 
Streifzüge im Kaukasus, in Persien und in der asiatischen Türkei
Entstehung
Seite
176
Einzelbild herunterladen
 

176 Tiflis.

Herrschaft der Bagratiden. Als im Anfang dieses Jahrhun-derts der letzte König aus diesem Geschlecht sein Land denRussen abtrat, um Schutz gegen die Perser zu suchen, fan-den die neuen Herren Grusien als eine Wüste, und die Stadtin Trümmern und verödet. Seitdem hat sich vieles geän-dert ; Tiflis wurde der Sitz des kaukasischen Statthalters undsämmtlicher Centralbehörden, es wurde der Mittelpunkt desStrassennetzes und steht mit dem Meere durch die jüngsteröffnete Eisenbahn in Verbindung; die alten Quartiere wur-den aulgebaut, neue Stadttheile im Stile russischer Provin-zialstädte schlössen sich daran, eine Colonie strebsamerDeutscher gründete eine freundliche Vorstadt. Jetzt ist dieStadt in fortwährendem Wachsen begriffen, und die Ein-wohnerzahl mag von 100,000 nicht mehr weit entfernt sein.Die Lage der Stadt ist überwiegend hässlich. In einenengen Kessel zwischen kahlen gelben Bergen von unschönenFormen eingezwängt, entbehrt sie Luft und Grün, und so-bald im Sommer die brütende Hitze den Aufenthalt uner-träglich macht, flieht Alles in die Sommerfrischen im Gebirge,um erst im Spätherbst mit den ersten Regengüssen wieder-zukehren. Die reissende Kura trennt die Stadt in zwei un-gleiche Theile; anfangs in breitem Bette fliessend, tritt sieinmitten der Stadt zwischen jäh aufsteigenden Felsen in eineenge Schlucht; zwei Brücken, in kühnem Bogen hoch überdas Wasser gespannt, verbinden hier im asiatischen Stadt-theil die Ufer, während eine dritte weiter oben den Verkehrzwischen den russischen Quartieren vermittelt. Das offizielleLeben concentrirt sich im russischen Stadttheil auf demrechten Kuraufer, hier sieht man breite Strassen mit statt-lichen Häusern und eleganten Läden. Die Klage über dieungepflasterten Strassendämme mit ihren Staubwolken imSommer und ihrem unergründlichen Schmutz im Winter,welche noch Dumas in seinem Buche .in launigster Weiseschildert, hat aufgehört; man findet jetzt besseres Pflasterals in den meisten russischen Städten, und jedenfalls weitausbesseres als in Petersburg und Moskau. Vorzüglich sinddie Droschken; bequeme Wagen, gute Pferde und eine ver-