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Lehrbuch der deutschen Rechtsgeschichte
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297
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§35. Das Privatrecht. 1. Hechts- und Handlungsfähigkeit. 297

untergeschobene Zwergenkinder (Wechselbälge, altvüe) betrachtete, warenrechtsunfähig und hatten nur Anspruch auf Gewährung des Lebensunter-haltes aus ihrem Vermögen 2 ; ebenso nach langobardischem Recht die vomAussatz Befallenen, während sie nach den deutschen Rechtsquellen nurerbunfähig wurden, ihr bisheriges Vermögen aber, soweit sie sich dessennicht freiwillig entäußerten, behielten 3 .

Hinsichtlich der Geschäftsfähigkeit wurden nicht wie im römischenRecht vier, sondern nur zwei Lebensalter unterschieden *. Den noch binnenoder unter ihren Jahren befindlichen Geschäftsunfähigen standen die zuihren Jahren Gekommenen (die sich gejährt hatten) gegenüber. Die Rechts-handlungen der ersteren waren nicht an sich ungültig, konnten aber vonihnen nach Eintritt der Geschäftsfähigkeit einseitig widerrufen werden 5 .Bei den meisten germanischen Stämmen trat die Geschäftsfähigkeit schonmit dem vollendeten 12., bei Burgunden und Ribuariern erst mit voll-endetem 15. Jahre ein 6 . Bei den letzteren hatte, ähnlich wie später nachdem Sachsenspiegel, der zu seinen Jahren Gekommene zunächst noch dieBefugnis, sich in gerichtlichen Angelegenheiten vertreten zu lassen 7 .

7, 2, Suppl. Nr. 94). Das Erfordernis gewisser Anzeichen der Lebensfähigkeit (An-nahme der ersten Nahrung im Norden, einstündige Lebensdauer und Öffnen derAugen L. Alam. 89) beruhte erst auf jüngerer Rechtsentwicklung.

2 Über Ssp. 1, 4 (Uppe altvüe unde dverge ne irstirft weder Ihn noch erve)vgl. Zacher ZRG. 22, 55ff. Grimm RA. 410 (l 4 , 566). Mentz JB. d. Ver. f.niederd. Sprachforschung 31. Die Blume von Magdeburg (Böhlau) 1, 95 ersetztden Altvil passend durch ivechsilkint.

3 Vgl. Roth. 176. Ssp. 1, 4. Hartmanns armer Heinrich v. 246ff.

1 Über das Folgende vgl. Heusler 1, 55ff. 199ff. 2, 489. Kraut Vormund-schaft 1, 112ff. Rive Vormundschaft 1, 213ff. Grimm RA. 413ff. SchröderFranken 41f.; FDG. 19, 141ff. Wackernagel Die Lebensalter 1862.

5 L. Burg. 87: Minorum aetati ita credidimus consulendum, ut ante 15 aetatisannos eis nee libertäre nee vendere nee donare liceai. Et si circumventi per infantiamfecerint, nihil valebit; ita ut quod ante 15. annum gestum fuerit, intra alios 15 annos,si voluerint, revocandi habeant polestatem. Quod si intra expressum tempus non revo-caverint, in sua firmitate permaneat. Vgl. Liutpr. 58.

6 Vgl. n. 5, n. 7 und S. 119. Mit 12 Jahren bei den salischen und chattischenFranken, Friesen (L. Fris. add. sap. 3, 70; v. Richthofen MG. Leg. 3, 70 n. 32),Langobarden (Roth. 155), Sachsen, Norwegern und Isländern (Maurer Z. deutsch.Phil. 2, 443; Rive a. a. 0. 1, 51ff.), Alamannen (K. Brunner Forsch, bayer. G.6, 4), wahrscheinlich auch bei den Baiern (FDG. 19, 143 n.). Den Angelsachsengenügten anfangs 10, später 12 Jahre (vgl. Liebermann Gl. 589). Die Lex Wis.2, 4 c. 12. 4, 3 c. 1, c. 4 verlangte 14 oder 15 Jahre, doch scheint 10, 1, c. 17 nochein Rest eines älteren Zieles von 12 Jahren vorzuliegen. Über die Entstehung desdoppelten Mündigkeitstermins vgl. S. 77.

' L. Rib. 81: Si quis homo Ribuarius defunclns fuerit vel interfectus, et filiumrehqueril, usque 15. anno pleno nee causam prosequatur, nee in iudicium inter-pellatus responsnm reddat; 15. autem anno aut ipsi respondeat, aut defensorem elegat.similiter^ et filia. Ssp. I. 42 § 1. Quaestiones ac monita § 27 (MG. Leg. (fol.) 4,593). Über den salfränkischen Mündigkeitstermin vgl. L. Sal. 30, 1. Cap. leg. Sal.v. 820 c. 5 (MG. Cap. 1, 293). ZRG. 15, 41. FDG. 19, Ulf. Westd. Monatsschr. 6,502. Meyer-Homberg 1, 295f.