20 Die germanische Urzeit.
Ein altes, höchstwahrscheinlich auf westgotischer Überlieferung be-ruhendes Lied von der Hunnenschlacht von 451, das zum Teil in der ur-sprünglichen poetischen Gestalt Aufnahme in eine isländische Saga gefundenhat, gibt die Stärke des Hunnenheeres zu sechs Heerhaufen (fylki) an,jedes fylki zu fünf Tausendschaften, jede Tausendschaft zu dreizehnHundertschaften 2 . Da der Hunnenkönig, dem die Goten selbst einengermanischen Namen (Attila = Väterchen) beigelegt hatten, in der Helden-dichtung durchaus die Rolle eines germanischen Heerkönigs (nach Art desAriovist) spielte, so ist es selbstverständlich, daß dem Dichter bei derSchilderung seines Heeres, das zudem großenteils aus Germanen bestand,nicht etwa eine hunnisch-mongolische, sondern die germanische Heeres-ordnung vorgeschwebt hat. Die westgotische Gesetzgebung kannte einenTausendschaftsführer, der neben der lateinischen Bezeichnung millenariusden einheimischen Titel piufaps führte und ursprünglich außer seinemmilitärischen Amt auch eine gewisse richterliche Stellung gegenüber seinerMannschaft (thiufadia, ihiufacla, thiufa) bekleidete 3 . Der ihm untergeordnete
in exercitu Asterliudi, in orientali exercitu für „in Baiern", „in Ostfalen"; ritus Osler-sahson herescaph für Gebrauch „ des ostfälischen Volkes". Vgl. Ereis. Trad. 1, 557.ZRG. 18, 33. Waitz 1, 213. v. Amira 3 126. Der freie Volksgenosse hieß hariman,arimannus, exercitalis. Vgl. Waitz 1, 213. Grimm RA. 291 ff. v. Savigny G. d.röm. R. 2 1, 192—214. Ahd. Gl. 1, 80. Mommsen u. Kossinna ZDA. 35, 172ff.264. Du Cange Glossar, s. v. harimanni.
2 Hervarar Saga ed. Bugge, Norröne Skrifter S. 286f. (auch Heusler u.Ranisch Eddica minora S. 11): Sex ein eru seggia fylki, i fylki hveriu fimmpusundir,i fiüsund hverri prettän hundruct, i hundraoti hveriu halir fiörtalSir (d. i. „Sechs nursind der Männer Heerhaufen, in jedem Heerhaufen fünf Tausende, in jedem Tausenddreizehn Hunderte, in jedem Hundert die Krieger vierfach gezählt"). Der Schluß-satz, der offenbar sagen will, daß jeder der Krieger Viermännerstärke besitze, istin der prosaischen Verarbeitung mißverständlich dahin erweitert: „In jedem Hun-dert viermal vierzig, und dieser Völker waren dreiunddreißig" (Bugge S. 276).Nur diese Entstellung erklärt es, daß unser Lied bei den Rechtshistorikern bishernicht die gebührende Berücksichtigung gefunden hat. Vgl. Sickel MJÖG. Erg. 1,19. Rietschel Tausendschaft 240f. v. Schwerin Hundertschaft 28f. Heusleru. Genzmer Edda 1, 30 (Thule 12. 1914). Heinzel WSB. 1887 S. 455ff. NeckelBeitr. z. Eddaforschung (1908) S. 256 ff.
3 Cod. Euric. 322: Si . . . filii portionem ipsam malrem everlere . . . prospexerint,ad millenarium vel ad comitem civitatis aut iudicem referre non differant. L. Wis. II, 1c. 14: Cum ceteris negotiis criminalium etiam causarum thiuphadis iudicandi concessalicentia. IX, 2 c. 4: si aliquis, qui in thiufa sua fuerat numeratus, sine permissionethiufadi sui vel quingentenarii aut centenarii vel decani sui de hoste ad domum refu-gierit. c. 3: si centenarius sine conscientia . . . prepositi hostis aut thiufadi sui de cen-tena sua . . . quemquam ad domum, suam redire permiserit. Vgl. Zeumer N. Arch.26, 120; Leges Visig. 23 n. 1. 63 n. 2. Müllenhoff ZDA. 10, 552. HelfferichWestgotenrecht 155ff. v. Bethmann-Hollweg a. a. O. 1, 191ff. Dahn Könige2, 267f. 6. 30. 210ff. 337. 3441 Rietschel Tausendschaft 241 f. L. SchmidtWestd. Z. 20, lff. Der Titel piufaps ist nach einer freundlichen Mitteilung meinesKollegen Bartholomae von got. pius (s. § 9) abzuleiten und mit „Herr derKnechte" zu erklären, was bei der ganz ähnlichen Verwendung der Titel „Seneschalk"und „Marschalk" (s. § 20) nicht verwunderlich erscheinen kann. Die Ableitung vonpivda ist sprachlich unmöglich, und ebenso unbefriedigend ist die von J. Grimm,G. d. deutsch. Sprache 3 177, versuchte Erklärung. Vgl. auch RA. 4 2, 363f.