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5 (1930) Deutsche Schrifttafeln aus Papierhandschriften des XIV. bis XVI. Jahrhunderts : mit einem Anh.: Gesamtverzeichnis für Bd. 1 - 5
Entstehung
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TAFEL LXX.

AMBROSIUS ÖSTERREICHER, METAPLASMA.

Cod. germ. 6241 ist ein stattlicher Folio-Band von schöner Ausstattung,der in eigenhändiger, vielfach verzierter Reinschrift des Verfasserszuerst auf 49 Blättern einen .Lobspruch der hochgelobte« vnd weit-berümten keiserlichenn Reichsstad Nürnberg Vonn Irem Regimennttsite/z Tugentenn vnnd loblichen gewonnheittenn' enthält, danach mitneuer Seitenzählung auf 79 Blättern das epische Gedicht ,Metaplasma.Ritterlich thattenn vnnd herrliche victorienn vnnd siegszaichenn desteurenn herßenhafften Ritterlichen vnnd Christlichenn Heldes Herculijwas gferlichkeitt vnnd nott er bestanndenn hatt'. Vorangestellt isteine untertänige Widmung an den Rat der Stadt Nürnberg, unter-zeichnet von ,Ambrosius Österreicher Teutscher poet vnnd philosophus,Datum denn 18 octobriß anno 1566', während sich der Dichter aufder folgenden Seite als ,Ambros Austrianum Poeta Tragoediarum' be-zeichnet. Beiden Gedichten sind gemalte Titelblätter vorangestellt undauch sonst hat Österreicher eine nicht geringe Kunst auf die Aus-führung der Schrift ,Manu propria' und die Ausstattung verwendet,wie er auch das Buch sehr ansehnlich mit Goldschnitt und Metall-schließen in einen festen Holzdeckelband mit braunem Lederüberzug undreicher Goldpressung binden ließ mit dem Aufdruck: METAPLASMVS1566. Aber all diese Bemühungen brachten ihm nicht den gewünschtenErfolg bei dem ehrenfesten Rate der freien Reichsstadt. Nach der Mit-teilungTheodorHampes aus den Ratsprotokollen erging am 20.November1566 ein Beschluß: ,Dem Supplicierenden Ambrofi Österreicher fol manfein gefchrieben Reumenbuch wider zuftellen vnd lagen meine herrnbedürfften deffelben nicht, Im auch verpieten Dasfelb nit Trucken zulaffen'. Es kann kein Zweifel sein, daß dieser Ratsbeschluß sich nichtnur, wie schon Hampe vermutet hat, auf das Gedicht Metaplasma oderMetaplasmus bezog, das auch in der Dresdener Handschrift M 210(früher M 112) erhalten und daher der Forschung schon bekannt ist,

sondern unmittelbar auf unsern Cod. germ. 6241, der lange verschollengeblieben war. Wir wissen nicht, in wessen Besitz er zunächst ge-langt ist, als dem etwas anrüchig gewordenen Meistersänger undKomödienspieler im Dezember 1569 durch Ratsbeschluß in Ungnadenjede weitere literarische Tätigkeit verboten wurde, so wenig wie vonden weiteren Schicksalen des betriebsamen Dichters selbst. Dochscheint die Handschrift zunächst in Nürnberg geblieben zu sein, wosie später, laut Eintrag im Einbanddeckel, zu der berühmten Bibliothekdes Patriziers Hieronymus Wilhelm Ebner von Eschenbach (16731752)gehörte. Bei deren Zerstreuung in den Jahren 18131820 gelangtesie, gleich einer größeren Anzahl anderer Nürnberger Meistersänger-handschriften, in die Sammlung des ungarischen AltertumsforschersNicolaus Jankovich von Jeszenicze (17731846); vgl. Tafel LXV1II B.Hier erhielt sie auch den weiteren Eintrag im Einband: ,Hic Ambrosiusfuit in Hungaria educatus', der sich wohl auf den Eingang zu seinemLobspruch der Reichsstadt Nürnberg stützt, zugleich aber beweist, daßdie schöne Handschrift in Ungarn immerhin beachtet worden ist. Mitden anderen Sammlungen von Jankovich wurde sie im Jahre 1836 fürdie ungarische Landesbibliothek (Nationalmuseum) in Budapest ge-kauft. Im Austausch gegen ungarische Archivalien in bayerischemBesitz wurde sie dann im Jahre 1895 mit einem ansehnlichen weiterenBestände von Bavarica und Norica an das Bayerische Reichsarchivabgetreten und von diesem 1898 an die Staatsbibliothek in Münchenweitergegeben.

Vgl. Theodor Hampe, Über Hans Sachsens Schüler AmbrosiusÖsterreicher in Hans Sachs-Forschungen. Festschrift zur vierhundertstenGeburtsfeier des Dichters. Im Auftrage der Stadt Nürnberg heraus-gegeben von A. L. Stiefel. 1894, S. 397406.

Entsprechend der Zweckbestimmung seines Buches hat sich AmbrosiusÖsterreicher in dem vorliegenden Bande nicht nur eine Probe seines dichterischenKönnens, sondern auch seiner Schreibkunst abzulegen bemüht. Daher hatseine voll entwickelte Kursive mit ihrer ansehnlichen Größe und ihren klaren,regelmäßigen Zeilenabständen nicht nur einzelne rot (Z. 1) und blau (Z. 19),auf anderen Seiten auch in Gold und anderen Farben reich und geschmack-voll ausgeführte Zierbuchstaben, einzelne Zeilen in gegitterter, gotischer Buch-schrift (Z. 1. 19) und einzelne Worte, überwiegend Namen, in schlichter,steiler Antiqua (Z. 12. 13. IQ. 23. 25. 27. 28 u. s. f.) als schmückende Bei-gaben erhalten; sie zeigt auch selbst gelegentlich Reste der gotischen Buchschriftin ihren Formen. So erscheint z. B. neben dem gewöhnlichen doppel-schleifigen h in Z. 3 und 30 noch das unten offene, wie auch das meistganz schlicht in zwei geschlossenen Bogen ausgeführte g in vereinzeltenFällen unten offen bleibt (Z. 14). Die Form des schleifenmäßig geschlossenen e(Z. 3) wechselt mit der daraus erwachsenden, von deren zwei parallelenGrundstrichen der zweite höher steht, in mancherlei Abstufungen (Z. 4).Auch die b und I, die gewöhnlich sehr schlicht (Z. 4. 2), manchmal sehrscharf nach rechts abgebogen sind (Z. 29. 14) und die Oberlänge aus derSchleife öfters bis zu einem einfachen Strich vereinfachen (Z. 10), finden sichmehrfach noch mit der gebrochenen Ausführung künstlerischer gotischerBuchschrift (Z. 3). Die großen Buchstaben endlich, die bei den Versanfängendie Regel bilden, sind seltener einfach kursiv (A: Z. 24; S: Z. 27; I: Z. 37;N: Z. 40), in der Mehrzahl reicher ausgeführt in der Art der Druck-Versalien (E: Z. 21; I: Z. 20; D: Z. 23 gegen 34; R: Z. 7; M: Z. 29).

In der Hauptsache aber ist die Schrift rein kursiv mit einem glatten, eben-mäßigen Fluß der zwanglos verbundenen, mäßig schräg gerichteten Buch-staben. Die Ober- und Unterlängen und die Schleifenbildung sind weitentwickelt, zeigen aber einige Eigentümlichkeiten: z hat am Wortanfang eineausgeprägte Oberlänge (Z. 7), verliert sie dagegen in anderer Stellung (Z. 23),und reicht mit seiner unteren Schleife meist nur wenig unter die Zeile (Z. 8). DieRichtung der einfachen Schleifen von h und g schwankt wenig vgl. aberoben, sehr dagegen bei 1 und b. Ebenso ist die Richtung bei den Ober-und Unterlängen von f und f im wesentlichen gleichmäßig festgehalten,abweichend davon aber bei den überaus langgezogenen dünnen, nicht zurSchleife entwickelten Unterlängen von y (Z. 4) und p (Z. 14). Mit ausge-

prägter Oberlänge wirken die kräftigen Schleifen von d (Z. 2) und k (Z. 21).Dagegen hat das t seine Oberlänge fast ganz verloren; in der häufig vor-kommenden Verdoppelung (Z. 2) ragt nur noch das zweite t etwas überdie Zeile, und einzeln bleibt es oft fast ganz bei der Größe eines c oderi-Striches, wie es auch vielfach sein charakteristisches Kennzeichen, den Quer-balken, ganz verloren hat (Z. 10. 20. 39); in der Verbindung th wirkt esdaher ganz wie ch (Z. 2). Das f hat manchmal einen leisen Anstrich (Z. 17),ist gewöhnlich aber ganz glatt (Z. 15); es verbindet sich unmittelbar in deralten Weise mit t (Z. 3), ebenso aber auch mit ch (Z. 24) und, was besonderszu beachten ist, mit z (Z. 16). Bloße Zierstriche macht Österreicher nicht,wie er denn sogar die Fahne des r kurz abschneidet und meist nicht zurBuchstabenverbindung benutzt (Z. 3). Dieser Verzicht auf leichte Schnörkelträgt neben der klaren Festigkeit der Formen zu dem monumentalen Ein-druck seiner Schrift bei. Er hält sich aber für diese Enthaltsamkeit schad-los durch andere Eigentümlichkeiten, die seine Schrift belasten, vor allemdie sehr weit getriebene unnötige Verdoppelung wie 11 (Z. 24), nn (Z. 1), tt (Z. 2),ff (Z. 12), ja sogar nntt (Z. 3), und dtt (Z. 5), wozu auch die ß (Z. 15) viel-fach zu rechnen sind, und durch seine reichlichen Vokalzeichen. In weitausden meisten Fällen setzt er über u einen Haken (Z. 3), der ihm unverändertauch zur Bezeichnung des ü dienen muß (Z. 5) und den er auch übervokalischem v (Z. 13) und im Diphthong au und eu (Z. 14) anwendet. DenPunkt über dem i vergißt er fast nie (Z. 13); den Umlaut ö bezeichnet erdurch zwei Punkte (Z. 22). Aber auch das a zeichnet er am Wortanfangdurch eine darübergesetzte aufrechte Schlangenlinie aus, die oft mit demHauptgrundstrich des a zusammentrifft und den Anschein eines einheitlichenFederzuges erweckt (Z. 5 gegen 23). Kürzungen dagegen verschmäht er;ganz vereinzelt hat sich in Z. 37 die alte Schreibung daz verirrt; vgl.Tafel LVIII. Die Zusammenschreibung der Worte ist im allgemeinen gut;eine sinnlose Trennung wie Z. 26 bleibt Ausnahme. In der Prosaüberschriftergab sich mehrmals die Notwendigkeit der Worttrennung; es wurde dannein doppelter Bindestrich gesetzt (Z. 1. 10). Dagegen ist die Anwendungvon Satzzeichen sehr wenig befriedigend; Österreicher kennt nur das Komma,das er im Überfluß, oft sinnwidrig (Z. 3. 27), an den meisten Zeilenendensetzt, gelegentlich aber gerade an notwendiger Stelle (Z. 32) wegläßt.Die abgebildete Seite ist Bl. 4 r .