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5 (1930) Deutsche Schrifttafeln aus Papierhandschriften des XIV. bis XVI. Jahrhunderts : mit einem Anh.: Gesamtverzeichnis für Bd. 1 - 5
Entstehung
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TAFEL LVII1.

THOMASIN VON ZIRKLAERE, DER WÄLSCHE GAST.

Cod germ. 571 (Cod. lat. 21278) ist eine Papierhandschriftvom Anfang des XV. Jahrhunderts (1408). Sie enthält das 12151216geschriebene, umfangreiche LehrgedichtDer wälsche Gast" eines Kano-nikus von Aquileja, Thomasin von Zirklaere. Einem friaulischen Ge-schlecht entstammend, hatte er durch gelehrte Studien und den Ver-kehr in ritterlichen Kreisen die verschiedenen Bildungselemente seinerZeit in umfassender Weise in sich aufgenommen. Auf solcher Grundlagelehrt er im ersten Buch höfische Zucht und bietet in den folgendenneun Büchern eine Darstellung der menschlichen Tugenden und Laster.

Die Handschrift ist durchaus von einer Hand geschrieben; sieist vollständig bis auf zwei größere Lücken nicht weit vom Anfangund vom Ende. Der Wert der textlich nicht sehr hervorragenden Hand-schrift wird durch ihre 110 mit der Feder gezeichneten, leicht kolo-rierten Bilder ohne Umrahmung, gehoben; wenn auch künstlerisch nichtvon großer Bedeutung, sind sie doch kulturgeschichtlich nicht ohne Reiz.Unter den zahlreichen Handschriften des Gedichtes gehört sie zu derOruppe der handwerksmäßig hergestellten Erzeugnisse einer nicht näherzu bestimmenden ostmitteldeutschen Werkstatt. Die Handschrift befandsich früher im Besitz der Stadtbibliothek zu Ulm, von wo sie zu Anfangdes XIX. Jahrhunderts an ihren jetzigen Aufenthaltsort gelangte. Voneinigen adeligen und bürgerlichen Vorbesitzern der ersten Hälfte desXV11. Jahrhunderts gibt eine Anzahl Einträge auf dem Vorsatzblatt Nachricht.

Zuerst erwähnt wurde die Handschrift von Schilter im Jahre 1728.Rückert benützte sie 1852 zu seiner Ausgabe des Gedichtes.

Vgl. Der wälsche Gast des Thomasin von Zirclaria. Zum erstenMale herausgegeben von Heinrich Rückert (= Bibliothek der gesamtendeutschen National-Literatur. XXX). 1852, S. 420. Joannis SchiitenThesaurus antiquitatum Teutonicarum. III 1728, S. XXXVI. MartiniGerberti her Alemannicum. 1765, S. 192. Johann Christoph Adelung,Jacob Püterich von Reicherzhausen. 1788, S. 15f. I. M. Müller imJournal von und für Deutschland. 1789, 10. Stück, S. 342ff. JohannJoachim Eschenburg im Bragur. V, 2 1797, S. 134156, und in denDenkmälern altdeutscher Dichtkunst. 1799, S. 122144. Docen,Miscellaneen. II 1807, S. 295299. Friedrich Heinrich von der Hagenund Johann Gustav Büsching, Literarischer Grundriß zur Geschichteder Deutschen Poesie von der ältesten Zeit bis in das sechzehnteJahrhundert. 1812, S. 370. Archiv der Gesellschaft für ältere deutscheGeschichtskunde. IX 1847, S. 559. Konrad Burdach, Vom Mittel-alter zur Reformation. I 1893 (= Centralblatt für Bibliothekswesen.VIII 1891), S. 11 ff. Pauls Grundriß 2 . II 1, S.274.

Zu den Bildern: Adolf von Oechelhaeuser, Der Bilderkreiszum wälschen Gaste des Thomasin von Zerclaere. 1890, S. 11. 32.76f. Alwin Schultz, Deutsches Leben im XIV. und XV. Jahrhundert.1892, S. 372.

Gotische Buchschrift des beginnenden XV. Jahrhunderts mit starkemEinschlag kursiver Züge. Die steile Stellung, die oft fehlende fortlaufendeVerbindung der einzelnen Buchstaben, die Sorgfalt, mit der die Wörter nochaus einzelnen, im ganzen gutgeformten Buchstaben zusammengesetzt werden,machen, daß der Gesamteindruck der der Buchschrift ist, die wir ja bei einermit Bildern ausgeschmückten Prachthandschrift auch wohl erwarten dürfen.Daneben ist freilich auch ein starkes Eindringen kursiver Eigenheiten deutlichzu erkennen, wie es sich schon auf den Tafeln XLI, LIII und LIV beobachtenließ. Dazu gehört die ausnahmslos durchgeführte Umbildung der Oberlängenvon b, d, h, k, 1 zu Schleifen; nur bei d begegnen auch Schäfte ohne solche(A, Z. 9). Die Haarstriche ferner, die die Grundstriche von i, m, n, u unter-einander und mit anderen Buchstaben verbinden, laufen schräg vom unterenEnde des einen zum oberen des andern. Ein sehr wesentliches Kennzeichender Kursive endlich ist das Verbinden des Wortendes mit dem Kürzungs-strich zu einem einzigen Zug, wobei die Richtung des Striches im Vergleichzur früheren Übung sich umkehrt (B, Z. 17). Trotz dieser Zwiespältigkeitdes Schriftcharakters ist doch ein Hauptzug der herrschenden Gotik, dasSpitzige und die Brechung der Formen, gut ausgeprägt. Sehr zurückgegangenist dagegen der Gebrauch der Wilhelm Meyerschen Buchstabenverbindungen.Es begegnen außer gelegentlichen we (A, Z. 16 gegen B, Z. 31), wo (A, Z. 28gegen B, Z. 13) und wa (A, Z. 35 gegen B, Z. 16) nur be (A, Z. 16) undde (A, Z. 9), beide auch mit Einschränkungen: ersteres steht auch unverbundennebeneinander (A, Z. 20); bei letzterem wird nicht gebunden, wenn das d inder kursiven Form mit der Schleife geschrieben wird (A, Z. 12). Zierstrichespielen auch keine große Rolle im Schriftbild; sie begegnen nur ab und zu(A, Z. 35; B, Z. 36), häufiger bloß als Anstrich von v (A, Z. 11).

Das a zeigt sich in der alten, kleinen Form (A, Z. 16), bei der derzweite Grundstrich den Bogen selten entschieden überragt (A, Z. 20). Das cist mit folgendem h (A, Z. 9), k (A, Z. 20), z (B, Z. 11) eng verbunden. Fürd hat der Schreiber, wie erwähnt, zwei Formen, eine mit (A, Z. 10) und eineohne Schleife (A, Z. 9); beide gebraucht er im ganzen ohne Unterschied,nur vor e bevorzugt er das zurückgebogene d ohne Schleife, das die häufigsteder Wilhelm Meyerschen Bindungen de leichter ermöglicht. Das g ist imeinzelnen recht wechselnd gestaltet, und zwar stellen die Formen in A, Z. 9und B, Z. 16, wohl die Grenzen dar, innerhalb deren die kleineren Abwei-chungen sich bewegen. Eine besondere Eigentümlichkeit tritt an diesem Buch-staben zum ersten Male hervor, die Verlängerung des zweiten Grundstrichsnach oben (A. Z. 22), die jedoch nicht überall zu beobachten ist (A, Z. 9).Merkwürdig ist auch, und dem kursiven Zug dieser Schrift entsprechend, dasSchließen der unteren Rundung des g durch Heraufziehen der Unterlänge in diezu einem kräftigen, wagrechten Querstrich ausgestaltete Zunge (A, Z. 10). Beimh treten neben die in früherer Weise durch Ansatz des kleineren, zweiten Grund-strichs gebildeten Formen überwiegend andere, bei denen der zweite Zug mittelseines geraden Verbindungsstriches flüchtig angehängt und unter die Zeile ge-zogen wird. Dadurch entsteht eine Form, die die weitere Entwicklung sehr wohlvoraussehen läßt (A.Z.9 gegen 13). Das i hat meist einen Punkt (A,Z. 10 gegenoberes Spruchband), der aber oft nicht an der richtigen Stelle sitzt (A, Z. 19); ge-legentlich ist es am Wortanfang in alter Form mit Oberlänge ausgeführt (OberesSpruchband; A, Z. 16); statt langem i steht auch y, mit zwei Punkten (B, Z. 3). DerDoppelhaken am k sitzt ziemlich hoch über der Zeile. Die Fahne des r ist kurz,zuweilen ohne Verbindung mit dem Grundstrich (A, Z. 16); dieser ist nach rechtsoben umgebogen und stellt gegebenenfalls die Verbindung mit dem folgenden

Buchstaben von unten aus her(A,Z. 10). Das Vorhandensein von Zwischenformen,wie A, Z. 14.21.35, berechtigt wohl zu der Annahme, daß es sich auch in B, Z. 32und 33, nicht um Formen des gekrümmten z handelt, sondern um weitere Ab-arten des geraden r. Das lange f und das runde s werden in ihrer Verwendungwie üblich auseinandergehalten. Das, wie das f, stark unter die Zeile reichendef bildet nicht nur, wie von jeher, mit t (A, Z. 10) eine Einheit, sondern auchmit ch (B, Z. 22) und z (A, Z. 22). Das s ist 6-förmig, wobei gelegentlichauch der obere Bogen geschlossen ist und eine B-förmige Bildung entsteht(B, Z. 3). Zu Beginn der Wörter v und im Innern u wird durchweg unter-schieden. Der zweite Zug des v ist nach einwärts geführt; manchmal istdurch starke Brechung des ersten Zuges eine Nebenform entstanden (A, Z. 18und 32). Das z hat die Form einer 3 mit einem unter die Zeile gehendenSchwanz. Zu Beginn der Wörter ist es etwas größer als sonst (A, Z. 9).

Von Überschreibungen begegnen a (A, Z. 14), a (B, Z. 30), 6 (B,Z. 17), ü (A, Z. 13), ü (A, Z. 17), wobei das übergeschriebene i sich in derForm dem Haken für er nähert. Der übergeschriebene Buchstabe, besondersdas e, ist oft kaum mehr als solcher erkennbar. Auch die Kürzungszeichenhaben ihre frühere Eindeutigkeit verloren; so steht der gekrümmte Haken fürre (A, Z. 9), für er (A, Z. 36), für r (A, Z. 26) und der wagrechte Strich fürabgefallenes d (A, Z. 11), für zu ergänzendes e (B, Z. 16), m (B, Z. 2), n (A, Z. 11).Außer diesen Kürzungen kommt nur noch das schon früher (Tafel XXXVIIund XLVI) ähnlich beobachtete Wz=Waz (A,Z. 13) und dz = daz(A,Z.24) vor.

Satzzeichen kommen außer dem Punkt in A, Z. 33 nicht vor.Zwischen zwei Punkten steht zur Hervorhebung E (B, Z. 24; vgl. u. a. Tafel XX,XXIX, XLII), zugleich die einzige Majuskel im Innern der Verszeilen, unddie rote im (A, Z. 9), welche den vierten Abschnitt des Teiles B des ganzenWerkes bezeichnet. Der akzentähnliche Strich B, Z. 7, scheint wie die StricheB, Z. 21 und 27, bedeutungslos zu sein. Die Verszeilen sind abgesetzt; zuAnfang stehen jeweils mit Rot gestrichelte Majuskeln, deren Formen meistWeiterbildungen der entsprechenden Minuskeln sind. Zu Beginn von B, Z. 14und 24, stehen rote §-Zeichen, um den Anfang eines neuen Abschnittes her-vorzuheben. Rot ist ferner geschrieben die Initiale I in Form eines Fisches(A, Z. 9) und bei dem Bilde die Worteder herre" undder fchryber". DieInschriften auf den fliegenden Bändern:Schrib min Ia vnd min nain" undanno domini Mcccc° viii" sind mit schwarzer Tinte geschrieben. Ob dieseJahreszahl das richtige Entstehungsjahr der Handschrift angibt oder ob derKopist auch darin einfach der Angabe seines Vorbildes, der Wolfenbütteler Hand-schrift 37. 19. Aug. Fol., gefolgt ist, läßt sich nicht unbedingt sicher feststellen.

Eine Liniierung ist nicht vorhanden. Die Schrift schimmert von deranderen Seite des Blattes durch. An verschiedenen Stellen sind Flecke.

Die vorliegende Seite, Bl. 22 v , umfaßt Vers 2125 2190 nachRückerts Zählung.

Die kleine Szene zu Beginn der Seite, eine rein äußerliche Wieder-gabe der Verse 2123 und 2124: Wes ain herre fprech nit oder ia / Des fyftete als es gefchribe« ftat (bei Rückert: fwaz ein herre fpricht ode niht /daz fol gar ftn fchephen fchriff), ist mit der Feder gezeichnet und dannetwas mit Wasserfarben angetuscht. Rechts neben dem Bild ist von modernerHand mit Bleistift in Ziffern die auf dem Spruchband des Schreibers stehendeJahreszahl 1408 wiederholt, darunter steht mit Tinte ein kleines k. SolcheBuchstaben finden sich, die Abfolge des Alphabetes mehrfach wiederholend,von Beginn der Handschrift an bei den meisten Bildern beigeschrieben;wo sie jetzt fehlen, sind sie entweder weggeschnitten oder in der Zeichnung