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Weser überschritt und zuletzt die Truppen an den Quellen der Lippe (bei Aliso?) das Winterlager beziehen Hess. Imfolgenden Sommer (5 nach Chr.,) wurden auch die Chauken und viele andere weiter gelegene Völker bis zur Elbeüberwunden, wobei die Flotte mithalf, welche (vom Rhein her) durch den Ocean in die Elbe einlief. 1 ) Hierauf zogTiberius gegen Marbod, während Sentius Saurninus als Feldherr bei den Legionen in Deutschland zurück blieb. Dieserwar ein Mann in altrömischer Weise. Er hatte, nach der Schilderung des Vellejus, während seines Consulats Strengeder Grundsätze und Consequenz bewiesen, doch durch Freundlichkeit beide gemildert. Er war vielseitig gebildet, thätig,gewandt, vorsichtig und in den Obliegenheiten des Kriegers erfahren und ausharrend. Waren die Geschäfte besorgt,so suchte er heitere Geselligkeit und feine Genüsse. „Er zeigte, wie Luden schildert, den deutschen Völkern dieUeberlegenheit römischer Weise und Kunst in liebenswürdiger Gestellt und den Vorzug höherer Bildung vor roherKraft, dadurch regte er die Seelen auf und erweckte in ihnen das Verlangen: Theil zu nehmen an den Herrlichkeitendes feinen Geistes. Sie fingen an, ihre eigene Rohheit zu erkennen und Gefallen zu finden an dieser Welt strengerOrdnung, scharfer Gesetze, mannichfaltiger Künste und Genüsse. Während daher die Römer Alles aufboten, umihre Kriegsmacht mit Leichtigkeit zu benutzen und das Netz, das sie über Deutschland hingespannt hatten, überall zubefestigen, um die deutschen Völker nöthigenfalls desto sicherer unter demselben zu erhalten; während sie Strassenund Festungen 2 ) bauten und sich hier lagerten und dort, bekam die Eigenthümlichkeit der Deutschen einen grossenRiss und eine allgemeine Veränderung nahm ihren Anfang."
Als Sentius Saturninus im Jahre 6 nach Chr. einige (wie es scheint drei,) seiner Legionen dem Tiberiuszu Hülfe gegen König Marbod zuführen musste, blieben unter Quinstilius Varus 5 Legionen am Rhein, dieser setztedie Verwaltung im Geiste seines Vorgängers fort, 3 ) der während dessen bis zum Jahre 9 nach Chr. mit Tiberius denschrecklichen Aufstand in Pannonien bekämpfen musste. Doch von Trug nichts wissend, 4 ) zu sehr im Gefühle derSicherheit und beseelt von dem Wunsche, seine Macht dem Lande recht nützlich zu machen, vergass er die nöthigeVorsicht. Er hielt seine Heeresmacht nicht zusammen, überliess auch wohl hülfsbedürftigen Leuten, die ihn baten,schaarenweise seine Truppen, um einen festen Platz zu bewachen, oder Räuber einzufangen, oder Getreide-Transportezu begleiten. 5 ) Statt dass ihm dieses hätte besondere Anerkennung einbringen sollen, benutzten die Fürsten desVolkes es, ihm den Untergang zu bereiten. Sic lockten ihn mit drei Legionen, sechs Cohorten, drei GeschwadernReitern und vielen gallischen Hülfstruppen in das Innerste des Landes, erborgten sich unter allerhand Vorwänden zuihrem Schutze einzelne Abtheilungen seines Heeres, entführten ihn durch einen wohlberechnet künstlichen Aufstandin eine ferne, ungünstige, waldige Gegend, versprachen ihm beim Aufbruche dahin Zuzug, Nachhut und Hülfe,erschlugen statt dessen die einzelnen, den Hülfsbedürftigen und zu Landesschutz abgelassenen Heeresabtheilungen undfielen gleichzeitig über ihn und sein Hauptcorps her. Von dem ganzen, stolzen Heere kehrte Niemand wieder, alswenige glücklich Entronnene, welche die Kunde von der schrecklichen Niederlage dem Aspernus brachten, demNeffen des Varus, der als Legat mit zwei Legionen zurück geblieben war, und frühzeitig, ehe die Feinde ihnerreichen konnten, den Rückzug in das südliche Winterlager (vetera) antrat, wo er zeitig genug erschien, um dieschon wankend gewordene Treue der dort wohnenden Gugerner neu zu befestigen und der Besatzung von Aliso einenAnhaltspunkt zu bieten. 6 )
Rom nahm eine blutige Rache. Nachdem der grosse Schrecken, den die Niederlage verursacht hatte,überwunden, Tiberius mit zwei neuen Legionen herbeigeeilt und was noch zu retten gesammelt, eine neue Vertheidi-gungslinie am linken Rheinufer errichtet und durch hinterliegende Plätze verstärkt,') auch, um die ungeschwächteKraft Roms zu zeigen, zwei Jahre hintereinander (10 und 11 nach Chr.,) Deutschland (Westphalen) mit imposanterMacht 8 ) in strenger Kriegszucht, verheerend und brennend durchzogen war, übernahm Germanicus den Oberbefehl. 9 )Er fand eine Stellung, die an Schwierigkeiten von keiner andern in der Geschichte überboten wird, dengefährlichsten Feind und die Legionen, mit denen er ihn besiegen sollte, in vollem Aufruhr. Augustus war gestorbenund die Soldaten durch lange Dienstpflicht gedrückt und ohne Aussicht auf eine Verbesserung ihrer Lage, da sie dieStrenge des Tiberius kannten, glaubten den Zeitpunkt geeignet, um sich geltend zu machen. Es war der Anfang derPrätorianer-Herrschaft, denn sie beabsichtigten einen Kaiser durch ihre Gewalt, der dann nothwendig ihren Ansprüchengenügen musste. Die Hauptcatastrophe dieser Ereignisse spielte am Rhein, besonders in Vetera, also in unsererGegend, und da sie so ergreifend und belehrend von Tacitus geschildert ist, so mögen seine Worte hier ihrenPlatz finden, w)
*) So erzählt Voll. Paterculus II., 104—110. Dio LV., 28, fasst die ganzen Thaten in wenig "Worte, indem er sagt, dass keineKriegsereignisso zu melden seien, da die Germanen aus Furcht zu Bündnissen sich verstanden hätten, mehr sagt im Grunde auch Vellejusnicht. — 2 ) Die Strassen und die erweisslicli von Römern bewohnten Plätze sind in dem nächsten Abschnitte näher aufgeführt. — 3 ) Vell.Paterculus II., 117 u. 118, gibt dieses als Resultat, wenn man das, was er als Parteimann zum Nachtheil des Varus hat einfliessen lassen,abzieht. — 4 ) Tacitus, Ann. II., 46. — 5 )>Dio Cassius LVL, 19; man sieht auch hier, dass es bei den alten Deutschen nicht so patriarchalischherging, als man in vielen Geschichtswerken dargestellt findet. — 6 ) So in Kürze, was Vell. Paterculus IL, 117—120, Dio LVL, 18—24,Johannes Zonaras, Florus IV., 12, Frontimis II., 9, 4, III., 15, 4, IV., 7, 8, Sueton, Octav. 23, Tiberius 17, Tacitus, Ann. I., 65—61,Orosius VI., 21, und Strabo, Geogr. VII., 1, enthalten. — ') Man rechnet dazu Bergheim (Tiberiacum, als von Tiberius gegründet). —") Ueber welche ausserordentliche Kräfte Tiberius gebot, sieht man aus Tacitus, Ann, IL, 46. — °) Vell. Paterculus IL, 120—121; Dio LVL;Sueton, Tiber. 18—20. — ">) Tacitus, Ann. L, 31—71; IL, 5—0; Vell. Paterculus IL, 124—129; Dio LVIL, 5, 6, 18; Sueton, Cal. L3—5; Caj. 8.