442 BÄUMLEIN, DAS GRIECHISCHE UND DAS GOTHISCHE ALPHABET.
Buche über deutsche Runen diesen Gegenstand behandelt hatte,darin überein, dass er das gothische Alphabet nicht als eineErfindung und eigenmächtige Composition des berühmten gothi-schen Bischofs ansieht, sondern als ein eigenthümliches, bereitsvorhandenes Alphabet, dessen sich Ulfilas sehr natürlich be-diente. Er erkennt ferner eine Übereinstimmung des gothischenAlphabets mit dem griechischen, lateinischen und runischen [an],weicht jedoch von dem Rec. insofern ab, als er einige Buch-staben bloss aus dem lateinischen abstammen lässt. Runische572 Zeichen nimmt er nur drei an, Th, U, O; das gothische V er-klärt er für das griechische T, mit dem es im Cod. arg. gleicheGestalt hat, näher kommt es in den neapolitanischen Urkundender angelsächsischen Rune Wen, mit welcher es Rec. für iden-tisch hält.
Rec. hatte sich begnügt, die Übereinstimmung des gothischenmit den drei genannten Alphabeten als eine Eigenthümlichkeitdesselben nachzuweisen. Hr. Prof. B. geht weiter und erklärtdiese Erscheinung theils durch Annahme eines alten gemeinsamgermanischen Alphabets, theils durch eine ausgebildete Hypo-these von der geschichtlichen Entwickelung des gothischen Al-phabets. Darnach haben mehrere Jahrhunderte vor Christusdie Griechen ihr (ursprünglich aus Hieroglyphen entsprungenes)Alphabet den germanischen Völkern mitgetheilt. Ulfilas hatdieses vorgefundene Alphabet, da es zum genaueren Ausdruckeder gothischen Laute ungenügend erschien, theilweise umge-staltet und den Buchstaben ihre Reihenfolge und ihren Zahlen-werth gegeben. Das Umgestalten wird dahin erklärt, dass erdiejenigen Buchstaben, deren Verwandtschaft mit den griechischenund lateinischen deutlich war, zu grösserer Ähnlichkeit damitabgeändert habe. Die drei runischen Buchstaben behielt aberUlfilas nur aus dem Grunde bei, „weil er ihren Zusammenhangmit den griechischen nicht mehr ahnte".
Die Voraussetzung eines alten gemeinsam germanischenAlphabets, insofern sie sich auf den wahrscheinlichen Gebrauchder Runen in Deutschland stützt, will Rec. gelten lassen, dochnur als eine Vermuthung, da wir nirgends vorsichtiger als hiervorschreiten sollten. Dagegen von allen übrigen Behauptungen