QUELLEN D. SHAKESPEARE V. ECHTERMEYER, HENSCHEL, SIMROCK. 429
artigste hat ihm Stoff dargeboten, und nur ein Geist von solcherdichterischer Kraft und solchem Umfange war fähig, auf einemscheinbar oft flachen und unfruchtbaren Boden Wurzel zuschlagen und zu solcher Herrlichkeit sich zu entfalten. Er hatden Samen manchmal zwischen Steine geworfen, und ein mächti-ger Baum ist aufgewachsen. Wie hat er z. B. die Geschichtevon Julie und Romeo, die hier ziemlich unbedeutend erscheint,mit dem höchsten Leben zu durchdringen gewusst. Der Sagevon Amleth, die Saxo nicht ohne Kunst erzählt, die aber dochetwas Steinernes oder Metallenes an sich trägt, hat er gleichsamdie Fesseln gesprengt, freie, reiche und edle Bewegung gegeben.Immer hat er das Überlieferte für seinen Zweck mit sicheremTakt gefasst, abgeändert oder fortgebildet; er ist ihm manchmalmit Treue bis in das Einzelne gefolgt, ein ander Mal hat er esganz aufgegeben und ist seinen eigenen Weg gegangen. Aberjeder bedeutende Mensch, sagt Goethe, muss auch gesetzgeberischverfahren, und wir sind verbunden, den Dichter anzuerkennen,wenn wir auch sein Eingreifen nicht überall billigen. Kein 255Zweifel also, dass alle, welche in diesem Sinne die vorliegende,wohlausgestattete Sammlung benutzen, dankbar sie aufnehmenwerden; dagegen als ein blosses Unterhaltungsbuch (und derengibt es ohnehin genug) wissen wir es nicht zu empfehlen. Diemeisten dieser Novellen gehen kaum über das Mittelmässigehinaus, einige verletzen den Anstand nach den Sitten unsererZeit, welchen wir Achtung schuldig sind, und die ErzählungBandellos von den Zwillingsgeschwistern gefällt sich in scham-loser Lüsternheit, die durch die Bemerkung nicht getilgt wird,dass man über die Freiheit italienischer Sitte, die dem Verfasser(der noch obendrein Bischof war) solche Schilderung erlaubte,erschrecken werde. In der Vorrede zu dem ersten Theile steht,dass dieses Werk, bloss für die Unterhaltung und das Vergnügender Leser bestimmt, ihre Belehrung niemals zum Zweck, wennauch mittelbar zur Folge habe. Vielleicht ist gerade das Gegen-theil wahr, und die wissenschaftliche Zugabe, die als Neben-sache gelten soll, dem Verfasser der Hauptzweck gewesen.Wir loben das so sehr, dass wir ihm rathen, bei der Fortsetzung,welche die Vorrede und der zweite Titel des Buchs: Bibliothek