264 EDDA SAEMUNDAR II.
Lieder von Sigurd, von Brynhild, vom Hamder, GudrunensAufreizung, auch das Wölundslied haben völlig den epischenCharakter; sie erzählen schlicht, manchmal abgerissen, ohne be-sonderen Schmuck, aber mit eindringlicher Wahrheit. Nichtselten fällt die Rede der Handelnden ein, aber ein einzelnerMoment wird nicht weiter hervorgehoben. Hier darf man amersten Lücken und Verderbnis des Textes muthmassen, sowieauf der anderen Seite Wiederholungen und Abschweifungen.Deutlich unterscheiden sich davon die beiden grönländischenLieder von Atle, sie sind schwerer und gewichtiger im Aus-drucke, feiner und gesuchter in den Gedanken und Wendungenund die ganze Darstellung fliesst nicht so schlicht und ruhig.Es gehörte schon grössere Sorgfalt dazu, sie im Gedächtnisseaufzubewahren, und es ist darum merkenswerth, dass das grösstevon allen diesen eddischen Gedichten, die Atlamäl, von 103Strophen am vollständigsten sich erhalten ohne aushelfendeprosaische Zwischensätze. Dagegen die zwei ersten Lieder von129 Gudrun (denn das dritte ist unbedeutender) zeigen wieder denrein epischen Geist in vorzüglicher Ausbildung und sind durchden rührenden und zarten Ausdruck des Menschlichen vor allenansprechend. Auch die Klage der Oddrun kann hierher ge-zählt werden. Die Erzählung geht gleichfalls einen einfachen,ruhigen Gang, hebt aber einzelne Punkte mehr hervor und ent-faltet sie in besonderer Schönheit. — Gripers Weissagung unter-scheidet sich durch die regelmässig durchgeführte dialogischeForm, das Lied ist gleichfalls ohne prosaische Zwischensätzeund eins der vollständigsten. Das Epische weicht darin zurückund die Betrachtung und Lehre tritt hervor; die Sage wirdnur angedeutet, um das daraus entspringende Unheil und Ver-derben zu verkündigen. Auch kommt Griper selbst weiter nichtvor. Sollte man deshalb geneigt sein, das Lied für später zuhalten, so ist zu bedenken, dass gerade diese Form, die Frageneines Schülers und Antworten eines Sehers, für Darstellung vonGeheimlehren eine der ältesten und natürlichsten ist, wie siesich auch z. B. in Vafthrudnismäl und Vegtamsquida findet.In ähnlichem Geiste ist auch das Lied von Fafner und Sigurd-rifa gedichtet, in welchen geheime und prophetische Aussprüche,