Druckschrift 
2 (1882)
Seite
218
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218 EINLEITUNG IN DAS NIBELUNGENLIED VON MOSE.

Ohne Zweifel war also die Hochzeit, auf welcher Siegfried um-kam, nicht im Hochsonmer, sondern genau den Worten nachvor den Sonnenwenden, in der Frühlingszeit, im Mai, in denPfingsttagen, ganz nach der alten, sonst noch im Nibelungen-lied vorkommenden Sitte, vgl. V. 1097. 5473 [294, 1. 1305, 1].Schliesst der Verf.' aber, Siegfried sei im Mai an den Rhein ge-kommen, habe aber dort einige Zeit zugebracht, so dass seinMord ungefähr auf die Sonnenwende könne gesetzt werden, soscheint uns, werde dem Umstände alle hier nöthige Beweis-kraft entzogen. Es muss eine deutliche Beziehung auf jenenTag vorkommen.

Die Ausstellung der Leiche und die Trauer über denMord ist nun freilich in der Sage ausgedrückt, aber wie ist siemit unserem Mythus, wo die ganze Natur in Trauer versinkt,in Beziehung zu bringen ? Der Verf. führt das Frohnleichnams-fest an und setzt voraus, diesem christlichen Sommerfeste liegeauch ein (nicht bekanntes) heidnisches, auf Siegfrieds AussetzungBezug habendes zum Grunde. Wäre die Sache sonst gewiss,so möchte dies als eine Vermuthung gelten, so aber kann Rec.in der Ausstellung von Siegfrieds Leiche nur eine Ausübungdes Barrechts erkennen, wie denn auch bei Annäherung desMörders die Wunden wieder zu fliessen anfangen (4191 [985, 3]).Wenn Kriemhilde den Leichnam drei Tage in der Kirche aus-gestellt und Gottesdienst bei ihm verrichten lässt, um ihn würdigzu betrauern, so scheint das bloss eine christliche Umwandlungdessen, was ein Lied der alten Edda (das erste Lied von Gu-drun) noch enthält und worin fürs Erste ein rein menschlichesGefühl herrlich ausgedrückt wird. Die Wittwe sitzt in starrem,herzzerreissendem Gram thränenlos bei der Leiche, die Frauensuchen sie vergeblich mit Worten zu trösten, bis eine die Deckevon dem Todten wegzieht und der Schmerz bei dem Anblicksich in Thränen löst. An sich will Rec. gar nicht leugnen,dass diese Trauer eine mythische Beziehung haben könne, sowie die den Nibelungen angehängte Klage gewiss nicht unbe-deutend ist.

Für den dritten wesentlichen Moment des Mythus, dieWiedergeburt des Sonnengottes, lässt sich in der alten Sage