DER HELDEN BUCH VON F. H. VON DER HAGEN. 51
wohl aus eigenen Gedanken. Vielleicht ist eine allegorischeAbsicht dabei, die Jungfrau nennt sich Frau Seide am Ende,und die allegorischen Gedichte jener Zeit pflegen mit einersolchen Hofhaltung anzuheben.
Hieran schliesst sich noch ein bestimmter Tadel des vor-liegenden Buchs. Nichts soll verabsäumt oder gering geachtetwerden, was der Wissenschaft dienen und die altdeutsche Litteraturaufklären kann, das Kleinste verdient aufbewahrt und berück-sichtigt zu werden; aber dem, der sich bloss an der Poesiedieser alten Gedichte erfreuen will, dem soll man nur das Kost-843lichste und Reinste darreichen. Alle Poesie, ja alles Grosseauf der Welt, hat seine Nachfolger und Nachahmer gehabt,die sich daran gedrängt und angeschlossen, bis der Gipfel, dereinsam steht und die Sterne grüsst, durch sie mit dem Thaleverbunden worden. Diese Verbindung, die an sich etwas Not-wendiges und darum Rechtes hat, weil ein jeder nach seinenKräften Theil nehmen will, gilt nur für ihre Zeit; wenn dieNacht der Jahrhunderte kommt, bleibt nur die Spitze in un-vergänglichem Glänze stehen, und auf diese sollen wir deuten,wenn jemand das Herrlichste jener Zeiten, das alles andere dochin sich fasst, ansehen möchte. Nicht jeder kann sich mit demStudium der alten Zeit, dem es auferlegt ist, allem Zusammen-hang durch die Dunkelheit nachzuspüren, beschäftigen, nochwäre es wünschenswerth, aber auf die Ausbeute hat jeder einRecht. Des äusserlichen Nachtheils, der durch solche unbe-schränkte, alles Urtheils sich begebende Mittheilung entsteht,indem einer entgegenarbeitenden Gesinnung, die glaubt, mandürfe nur Eines lieben und ehren, das in die Hände gibt, wassie überall hier gern fände, gedenken wir nicht, weil er unsniemals bedeutend vorgekommen ist.
W. C. Grimm.