584: ERZÄHLUNGEN.
DER SEGEN DES VATERS UND DER MUTTER:
Für den Friedhof der evangelischen Gemeinde in Gratz in Steiermark.Erzählungen, vermischte Aufsätze und Gedichte von Einhundertsechsundzwanzigdeutschen Gelehrten, Schriftstellern und Dichtern diesem Zwecke gewidmet.Mit einer musikalischen Beilage von G. Meyei-beer. [Herausgegeben von Karlvon Holtei.] Braunschweig, Wien und Gratz, Friedrich Vieweg & Sohn;F. Manz & Comp.; Aug. Iiesses Buchhandlung. 1857. S. 4—7.
-In den heissen Sommermonaten verliess ich die grosseStadt und gelangte, als der Tag sich neigte, zu einem einsamenam Fuss des Gebirges gelegenen Ort, wo ich zu verweilenbeschloss. Welch ein Unterschied! Statt der drückenden Luftder glühenden Strassen wehte mich der frische kühlende Athemder harzigen Fichtenbäume an; statt des Gerassels und Lärmender Wagen eine friedliche Stille und Ruhe, und die Sonneschien beim Untergange mit ganz anderer Lust die Wipfel derBäume zu vergolden, als die hohen Schornsteine der Maschinen-fabrik.
Ich erhielt in einem reinlichen Haus ein hübsches Zimmerund eine Kammer, deren Fenster mit Weinlaub fast zugedecktwar. Bald war ich eingewohnt, und wenn ich am frühen Morgenherausblickte, sah ich den Eigenthümer des Hauses schon inseinem Garten beschäftigt. Es war ein Greis mit weissen Haaren,der alles langsam und bedächtig that. Er pflanzte Salat undgrünen Kohl, band die Sträucher fest und begoss Blumen undKräuter. „Ich habe schon Vortheil von Ihnen", sagte er; „Siehaben einen Thermometer ausgehängt, danach sehe ich gleich,wenn ich in der Frühe komme, und weiss dann, ob ich vieloder wenig begiessen muss." „Es ist wohl ein guter Boden?"fragte ich. „Ach ja, für die Pflanzen, aber nicht für die Bäume;es liegt unten Felsen; wenn die Hauptwurzel darauf stösst,so hört das Wachsthum auf und sie fangen an langsam abzu-sterben. Es ist wie mit den Menschen, wenn es mit ihnenbergab geht." — Er that den ganzen Tag nichts, als dass er denGarten besorgte. Dieser war von massiger Grösse, umfasste