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1 (1881)
Seite
541
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DIE STÄNDEVERSAMMLUNG IN HESSEN. 541

Auf gemeine Schmähschriften achtet kein verständiger Mann,und in kurzem ist auch der Pöbel derselben überdrüssig. Da-gegen, wie vieles Gute wird nicht durch sie gestiftet, wie mancheWahrheit ans Licht gefördert, wie vieles Böse schon aus Furchtvor dem öffentlichen Urtheil unterlassen. Eine Pressfreiheitaber, welche mit Vorbehalt derjenigen Beschränkungen, die dasöffentliche Wohl nöthig machen dürfte, gestattet worden, ist inZeiten des Despotismus, welchem vorzubeugen ja eben unserZweck ist, so gut als gar keine. Nur in einer Rücksicht kannBeschränkung der Pressfreiheit und eine vernünftige Aufsichtder Regierung zweckmässig sein, in Rücksicht auf Religion undSittlichkeit aus Gründen, die jedem einleuchten.

Man soll nicht glauben von den hier ausgedrückten Wün-schen, sie seien aus undankbarer Verkennung unserer jetzigenwohlmeinenden Regierung hervorgegangen. Wir Hessen wissenalle, dass wir unter unserm gegenwärtigen Herrn die Miss-bräuche nicht zu fürchten haben, denen wir zuvorkommenwollen, und wir hoffen dasselbe auch vom Nachfolger. Aberwir möchten gern, so viel es in menschlichen Kräften steht,Vorkehr treffen, dass die Schmach und Erniedrigung, die wirerlebt, nicht an unsern Kindern wiederkehre, weil vielleicht keinzweiter russischer Feldzug zu ihrer Errettung hülfreich kommenmöchte. Das kann aber nur geschehen, wenn wir den jetzigenAugenblick benutzen und den durch unsere Zeit angeregtenbessern Geist in uns zu erhalten und von Geschlecht zu Ge-schlecht fortzupflanzen streben. Denn wie ein stehend Wasserfaul und sumpfig wird, so verarmt und zerfällt in sich jedesVolk, wenn es an lebendiger Anregung der vaterländischenLiebe fehlt. Übel ist es um ein solches Volk, übel um seinenRegenten bestellt, und kein Fürstenhaus steht fest im neun-zehnten Jahrhundert, das nicht in dem Gemüthe des Volkesseine Wurzeln geschlagen hat. Das aber wird geschehen, wennBürger und Bauer und jedes Kind im Lande weiss, dass einZustand des Rechts und der Freiheit, nicht der Gewalt undUnterdrückung, zwischen ihm und seinem Regenten besteht,und dass daher im Kampfe mit den Fremden alles zu verlieren,nichts zu gewinnen ist.