BERICHTE AUS CASSEL. 535
gleichsam zum Schluss noch einmal im Kleinen ihren Charakter.Der Lieutenant des Königs, General Allix, der die zweckloseVerteidigung der Stadt angeordnet hatte, der deswegen undbesonders wegen der Despotie, womit er das Castell mit Ge-fangenen anfüllte (ja er soll sein Wort gegeben haben, eh nochein Kriegsrecht ernannt war, sie todtschiessen zu lassen), all-verhasst war, erhielt ein eigenes Belobungsdekret. Der Könignannte ihn seinen treusten Diener, machte ihn zum Grafen miteiner Dotation und einer besondern Pension aus seiner Kasse,und doch dauerte diese Gunst kaum 8 Tage, das Diplom und■die Schenkung wurde zurückgenommen. Der Graf von Freuden-ithal hat vielleicht nicht ein einziges Mal seinen neuen Namengebraucht, als er Dienstes entlassen. Schwerlich hat in einemHof eine solche fortlaufende Intrigue geherrscht, wie an demwestphälischen, einer suchte den andern zu stürzen, und esmögen wenige Beispiele sein, dass jemand sich längere Zeitdurch in einer Würde erhalten konnte; diejenigen, die sich ameifrigsten und aufrichtigsten für den König bemühten, schickte■er selber fort und doch glaubte er ohne Einfiuss zu regieren:'er hatte keinen beständigen Günstling, aber was schlimmer ist,•das Amt desselben war immer von einem andern verwaltet undkam immer in neue Hände. — Sodann theilte der König nochin dieser kurzen Zeit mehreren das Ritterkreuz mit und machteErnennungen zu bedeutenden Posten, die aber fast alle nicht•angenommen wurden; selbst das Grosskommandeurkreuz gab ernoch, als das Köstlichste, was er besässe, weniger Köstliches wurde-auf fast hundert und fünfzig Wagen allmählich fortgefahren.
Es war ein herrlicher Tag, vielleicht der schönste im Herbst,•wo die Franzosen abzogen, und einem war zu Muth, als sollteman wieder gesund werden und versuche sich, wie die frischeLuft thue. Sie waren in der Nacht gekommen, zersprengte undeinzelne Depots, und sahen niedergeschlagen und gleichgültigaus, vom Marsch abgemattet lagen sie zum Theil auf dem Platz,rings um den Brunnen, worauf damals noch das Marmorbildihres Kaisers stand, das hier so wenig auf ihr Elend hörenkonnte, als er selber im Leben will.
____________ [anonym.]