BERICHT ÜBER DAS DEUTSCHE WÖRTERBUCH. 519
habe ich ein wohlgebildetes Gesicht, ja die geistreichsten Zügevon solchen Blattern entstellt gesehen. Öffnet man das ersteBuch, ich sage nicht ein schlechtes, so schwirrt das Ungezieferzahllos vor unsern Augen. Da liest man von „Ainplificationen,Collectionen, Constructionen, Publicationen und Manipulationen",da ist die Rede von „Divergenz, Reticenz, Omnipotenz, Cohä-renz, Tendenz und Tendenzprocessen", von „Localisirung", von„nobler Natur" und „prolifiquer Behandlung", von „socialenConglomeraten" oder von „futilem Raisonnement". Die Ver-hältnisse sollen nicht zart, sie müssen „delicat" sein; wir wer-den nicht davon bewegt, sondern „afficirt": das Leben versumpftnicht, es „stagnirt". Ungleichartig versteht niemand, aber ge-wiss „heterogen": das Jahrzehnd nimmt an Gewicht zu, wennes „Decennium" heisst. Das alles ist auf wenigen Blättern zufinden, und immer bot die Muttersprache das natürlichste, ein-dringlichste Wort. Und gar wenn Dürftigkeit des Geistes da-hinter steckt! Die arme Seele borgt von den Philosophen einPaar technische Ausdrücke, sie spricht vom „Objectiven und Sub-jectiven", von der „Speculation und Intelligenz" oder gar vondem „Absoluten", das alle anderen Gedanken verschlingt. Esekelt mich an, weitere Beispiele aufzusuchen. Diesen traurigenVerfall mag stumpfe Gleichgültigkeit gegen den hohen Werthder Sprache, die ein Volk noch zusammen hält, wenn andereStützen brechen, mangelndes Gefühl von ihrer innern Kraft,manchmal auch die Neigung, vornehmer zu erscheinen ; herbeigeführt haben: Gewohnheit und Trägheit halten die Unsitte festund lassen das Verderbnis immer weiter um sich greifen. Manweiss nicht mehr, dass man sündigt 1 ). Habe ich doch, ich musses sagen, an dieser Stelle, von den geehrten Rednern dieser Ver-sammlung, welchen Glanz und Ruhm des Vaterlands am Herzenliegt, mehr fremde Worte gehört als sich ertragen lassen, sogarvon denen, welche gegen die Anwendung des römischen Rechtsund dessen Sprache sich so stark erklärt haben. Über Nacht
') Fallt es denn niemand ein, dass dieser Gebrauch fremder Wörter dieSprache des Volkes, das sie nicht verstehen kann und sie nur ungeschicktund oft lächerlich anwendet, zu Grunde richtet?