360 'ZU DEN MÄRCHEN.
2. Rührend ist es, wenn wir die kleinen Züge aus dem
Kinderleben in den alten Dichtungen schon beachtet finden.
Man spielt mit Kindern, indem man sich neckend bald zeigt,
bald versteckt; davon nimmt Wernher in dem Loblied auf die
Jungfrau Maria ein schönes Gleichnis: der Engel, der mit ihr
gesprochen und bei ihr stand (S. 106),
er verbarg ougen unde muntsin antlutze ioh den schin;also spilt er mit der kuniginals man pfleit mit den kinden.
Fischart hat wohl dieses Spiel gemeint, wenn er von demVater spricht, der „mit dem Kind Mumels spielt", Gar-gantua 71a. Kinder glauben sich zu verbergen, wenn sie dieHand vor das Gesicht halten, und so sagt Tyro von Schotten
Str. 33:
wan si tuot als daz kindelin,
swanne daz verdecket diu ougen sin,
so want ez, daz es nieman sehe.
3. Der kindischen Lust und Trauer wird oft von den
Dichtern jener Zeit gedacht. „Froh wie ein Kind sitzen" ist
ein bildlicher Ausdruck der Edda (sitia barnteitur. Hymisq. 2).
Freidank sagt 2347 [125, 17. 18. W. Grimm S. 80 2 ]:
ein kint name ein geverbet eifür andre drin oder zwei
und ähnlich das Märe vom Baslein 54:
ein kint den apfel minnet
unt name ein oi für des riches lant.
Im Wartburger Krieg heisst es (Str. 17 in der Maness.Sammlung): „vor Zorn muss ich zappeln, wie ein Kind, demman das Ei versagt". Und im Wilhelm von Oranse ganz
ähnlich:
— weinen so diu wip
oder als ein kint nach dem ei.
Überhaupt ist das Weinen der Kinder sprichwörtlich. ImTristan 4097 [4294. 4295]:
er saz und "weinte
als ob er ein kint wäre.
und in der Wilkina-Saga (S. 94 und 139): „das Kind soll haben,wornach es weint. u