ÜBER DAS WESEN DER MÄRCHEN. 341
den Kopf. Wer das Herz, die Leber, eines Vogels isst, er-hält übernatürliche Kräfte. — Eine der ältesten Spuren derheidnisch - symbolischen Vermischung des Thierischen undMenschlichen sind die Schwanenjungfrauen, welchehier ganz in der Gestalt und Art vorkommen, wie sie vondem alteddischen Wölundslied und den Nibelungen dargestelltwerden *-).
Mit dieser Ansicht von einer allbelebten Natur hängt auchdas Übergehen in eine andere Gestalt zusammen, unddie hier verwandelten Steine, Bäume, Pflanzen sind eigentlichgeistig belebte. So schwört auch in der Edda dem Baidur dieganze Natur, nicht bloss Vögel und Thiere, sondern auchFeuer, Wasser, Eisen, Erz, Steine und Bäume Sicherheit voraller Gefahr und hernach beweinen sie seinen Tod. Selbst dieZauberei, deren Macht sich hier so oft wirksam zeigt, be-ruht auf diesem Glauben, von einem allen Dingen in wohnen-den Geist, über welchen man Herrschaft erlangen und aus-üben kann.
Der Gegensatz des Guten und Bösen ist häufig durchSchwarz und Weiss, Licht und Finsternis ausgedrückt.Die guten, Hülfe bringenden Geister sind fast immer weisseVögel und werden sie genannt: die reinen, 'gallenlosen Tauben;die bösen aber und Unheil verkündenden sind schwarze Raben.Es sind die schwarzen und weissen Alfen der nordischenMythologie, welche die höchsten Götter eben so unterscheidenmochte, da Heindal der Weltbestrahler 2 ) der weisse Aseausdrücklich heisst und Balder lichtstrahlend ist. Aberauch bei Menschen wird auf diese Weise der Gegensatz be-zeichnet. Das fromme Mädchen wird weiss wie der Tag,das gottlose schwarz wie die Sünde (Nacht). So kennt die
') Eine Stelle des Gregor von Tours bist. Franc. II, 10 verdient zu demGanzen hier abgeführt zu werden. Sed haec generatio fanatieis semper cul-tibus visa est obsequium praebuisse nee prorsus agnovere deum; sibique Sil-va r u m atque aquarum, avium bestiarumque et aliorum quoque ele-mentorum finxere formas, ipsasque ut deum eolere eisque sacrificia delibareconsueti.
2 ) Vergl. gloss. edd. I, 553.