VORREDE ZUM ERSTEN BAND. 321
gegangen und nur die Märchen noch allein übrig, die uns etwaselbst bewusst, und die nur abweichend, wie es immer geschieht,von andern erzählt würden. Aber aufmerksam auf alles, wasvon der Poesie wirklich noch da ist, wollten wir auch diesesAbweichende kennen, und da zeigte sich dennoch manches Neueund, ohne eben im Stand zu sein, sehr weit herum zu fragen,wuchs unsere Sammlung von Jahr zu Jahr, dass sie uns jetzt,nachdem etwa sechse verflossen, reich erscheint; dabei begreifenwir, dass uns noch manches fehlen mag, doch freut uns auchder Gedanke, das Meiste und Beste zu besitzen. Alles ist mitwenigen bemerkten Ausnahmen fast nur in Hessen und denMain- und Kinziggegenden in der Grafschaft Hanau, wo wirher sind, nach mündlicher Überlieferung gesammelt; darumknüpft sich uns an jedes Einzelne noch eine angenehme Er-innerung. Wenige Bücher sind mit solcher Lust entstanden,und wir sagen gern hier noch einmal öffentlich allen Dank,die Theil daran haben.
Es war vielleicht gerade Zeit, diese Märchen festzuhalten,da diejenigen, die sie bewahren sollen, immer seltner werden(freilich, die sie noch wissen, wissen auch recht viel, weil dieMenschen ihnen absterben, sie nicht den Menschen), denn dieSitte darin nimmt selber immer mehr ab, wie alle heimlichenPlätze in Wohnungen und Gärten einer leeren Prächtigkeitweichen, die dem Lächeln gleicht, womit man von ihnen spricht,welches vornehm aussieht und doch so wenig kostet. Wo sienoch da sind, da leben sie so, dass man nicht daran denkt,ob sie gut oder schlecht sind, poetisch oder abgeschmackt,man weiss sie und liebt sie, weil man sie eben so empfangenhat, und freut sich daran ohne einen Grund dafür: so herrlichist die Sitte, ja auch das hat diese Poesie mit allem Unver-gänglichen gemein, dass man ihr selbst gegen einen andernWillen geneigt sein muss. Leicht wird man übrigens bemerken,dass sie nur da gehaftet, wo überhaupt eine regere Empfäng-lichkeit für Poesie oder eine noch nicht von den Verkehrtheitendes Lebens ausgelöschte Phantasie gewesen. Wir wollen ingleichem Sinn hier die Märchen nicht rühmen oder gar gegeneine entgegengesetzte Meinung vertheidigen: jenes blosse Da-
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