312 KUNSTPOESIE.
einen Schein des Lebens zurückgeben. Edlen Geistern ist eseigen, manchmal inne zu halten, über den zurückgelegten Wegnachzusinnen und, von der Betrachtung desselben gestärkt,frisches Muthes den Stab -wieder in die Hand zu nehmen.Jeder wahrhafte Dichter, wie ihn auch seine Zeit und ihre For-derungen umstellt haben, etwas Unvergängliches, in fortdauernderJugend Lebendes hat er der Nachwelt hinterlassen: die Poesiegleicht der Pflanze, die grünend zwischen Steinen und Felsendurchbricht und dem Lichte entgegenstrebt. Und wie dieBäume, die aus fernen Gegenden geholt werden, ihr Gewürmnicht mitbringen und unverletzt blühen, so lässt sich in das,was die Zeit in ihren Schutz genommen hat, kein giftigerStachel mehr drücken: es wird von dem beruhigten Urtheiiempfangen, das in dem Tadel zugleich ehrt und liebt.
Aus Arnims Dichtungen quillt uns eine Fülle von Lebenentgegen: aus tiefem unerkünsteltem Gefühl, wie aus ernsterBetrachtung der Welt hervorgegangen, sind sie zugleich vonliebevoller Hingebung an sein Volk und Vaterland, das er inPreussen nicht allein erblickte, durchdrungen. Sein Urtheiiwar fest, aber seine Gesinnung mild: auch dem Geringstengönnte er Sonnenschein und Wachsthum. Allem Parteiwesenfremd, hat er den Spaltungen der Zeit gegenüber die edelsteUnabhängigkeit bewährt. Er war kein Dichter der Verzweif-lung, der an der Pein innerer Zerrissenheit sich ergötzt: überVerwirrung und Dunkel erhob er sich, wie die Lerche, zurAbendröthe, um die letzten Sonnenstrahlen mit Gesang zugrüssen und auf den kommenden Tag zu hoffen. Seine Dichter-gabe betrachtete er als eine Quelle, die in Lauterkeit aus derBrust ströme, der man einen ungehemmten Lauf gönnen müsse.„Mit welcher Sehnsucht wünsche ich mir oft", sagte er einmalzu mir, „jene Leichtigkeit, alles in Worten nach Mass undZahl zu fassen, ich wollte Dichtungen schreiben, die alle Welterheben sollten, aber so, fürchte ich immer mehr, wird dasBeste, was ich in meinen Gedanken umgewälzt habe, in meinerUngeschicklichkeit mit mir zu Grabe gehen." Es ist wahr,manchmal war der Becher zu klein und der Wein strömte über,oder er war zu gross und wurde nicht bis zum Rande gefüllt,