302 KÜNSTPOESIE.
liehe geht ganz und vielleicht zu schnell ins Breite; damitBerthold recht fest daran gebunden werde, nimmt ihn derthätige Schneider Fingerling an Kindes Statt an. Die komischenAnlagen dieses Charakters hat der Dichter vielleicht absichtlichnicht ausgebildet, damit der Abstand zwischen beiden nichtzu stark hervortrete. Jetzt aber erscheinen höhere Gestalten:die Fürstin und in ihrer Begleitung der Baumeister. Wie sieihre Erzählung anfängt, tritt die Geschichte gleichsam auseiner engen Haft hervor und breitet sich aus wie die Teppiche,welche die hohe Frau dabei ausbreitet. Die Reise des Rittersnach der Kronenburg, gleich einer Pflanze, die in ihrem erstennoch geschlossenen Keimen schon auf ihre Seltenheit deutetund den betrachtenden Leser an ihre Entfaltung fesselt, treibtam üppigsten Fleck empor. Wir steigen mit dem Ritter andem Felsen hinauf und erblicken die Welt unter uns; es isteine Höhe, auf die uns der Dichter führt, von welcher aus wirihn selbst in Ferne und Nähe als Aussicht gewinnen: eineMehrzahl von Gedanken liegt wie die Mehrzahl der Berg-spitzen in Nebel und Sonnengluth, beschneit und begrünt, wirerkennen nicht alles, aber es wird uns unendlich wohl in unsererUmgebung. Die Fürstin scheint eine Entwicklung herbeizu-führen , es überrascht uns nicht mehr in ihr Bertholds Mutterzu kennen, er scheint auch dieser Höhe theilhaftig werden zumüssen, aber der aufsteigende Strahl wird schon unterbrochenvon dem trüben Schein bei Frau Hildegardes Lampe undsinkt vor dem einbrechenden Wetter, das die angehäuftenBlüthen zerweht. Gottes Hand zieht die Wolke wieder vorder durchbrechenden Sonne zusammen. Nach dem Sturm wirdes ruhig aber kalt, und Berthold hat seine Liebe zwischen zweiMüttern zu theilen.
Das allmähliche Herabsinken und Hinschmachten Bertholdslind die völlige Entfremdung von den angebornen Neigungenhat der Dichter uns wohlthätig entzogen; wir erblicken ihnnach einem langen Zeitraum erst wieder, als er sich seinemEnde zu nähern scheint. So vertrauern edle Pflanzen in hartemungewohntem Boden. Die letzten Flammen leuchten nichtohne Milde und Anmuth; dazwischen springt der humoristische