DIE SCHÖNE L1TTERATUR DEUTSCHLANDS VON HÖRN. 279
geachtet und die Kraft seines Lebens an die Bildung desselbengesetzt, wenn er nun im Alter Minuten erlebte, in denen ersich verkannt glauben musste und seine Bemühung vergebens,so kann es uns nur rührend sein, wenn er in solchem Schmerz,wie Odysseus, der von den Göttern geliebte, von den Götternverfolgte und von seinem Vaterland entfernte, ausruft: ich binmüd im Leben zu sein und das Licht der Sonne zu schauen! —Herders Verdienste in der spanischen Litteratur werden nochgenannt, aber nicht einmal sein Cid, welches uns eins seinervollendetsten Bücher scheint. Eine Auseinandersetzung des Ver-hältnisses zu den spanischen Originalen hätten wir lieber ge-lesen, als Herders Urtheil über Canitz und das grossgedruckteWortspiel über den Blumenberger Freiherrn, das wir aus demfrüheren Werk des Verfassers noch nicht vergessen hatten.
Bei Goethe sollte nicht auf andere verwiesen werden, somannigfach auch das ist und zum Theil vortrefflich, was überihn gesagt worden, und welches immer einmal rühmend wirdgezeigt werden können, wenn einer darnach fragt, wie dieDeutschen ihren ersten Dichter geliebt haben. Es wird sogareinmal gesagt, es sei vielleicht keine gute Liebe, die sich durchfremde Bücher zu rechtfertigen sucht. Dort war es auch meistnur Auseinandersetzung seines Werths, Versuche ihn zu ver-stehen, herzliches und treues Lob: hier aber sollte ein allge-meines Urtheil über ihn gesprochen werden. Sonst galt dasGesetz, dass nur Gleiche über den Gleichen richten konnten, werwollte es wagen, sich nur neben ihn zu setzen? Nur einmal seinganzes Volk, wir meinen all das Herrliche, das in diesem liegtund noch blühend aufsteigen wird, kann über ihn sprechen.Herr Hörn mag die Schwierigkeit des Unternehmens gefühlthaben; zu der Ironie, scheint es, wollte er doch nicht geradezugreifen, sie ist nur herrlich, wo sie unvorsätzlich einen leben-digen Grundton in der Seele des Beschauenden ausmacht, wiein Goethes Leben (wo sie hier getadelt wird), ein eigenes An-schicken dazu will uns nicht gefallen; indessen fand sich einanderes Auskunftsmittel: der Platonische Dialog. Es wäre un-streitig ein richtiger Gedanken gewesen, die einzelnen Stimmender Gegenwart nach ihrer grössten Verschiedenheit gegen