222 NATURPOESIE.
Wundentropfen stillen solltest." — (Siegrune gieng zum Grabzu Helge und sang:) „Nun bin ich so froh unserer Zusammen-kunft, als die frechen Habichte Odins, so sie eine Walstättewissen, warme Speise oder die dunkelfarbigen sehen des TagesRöthe. Erst will ich küssen den unlebenden König, eh Du dieblutige Brynie ausziehst: Dein Haar ist, König, von Frost durch-drungen, ganz ist der Fürst mit Walthau (Blut) begossen, dieHände urkalt dem Haugnis Schwiegersohn: wie soll ich Dir,Herr, Rath gewinnen?" — (Helge sang:)
„Allein herrschest Du nun, Siegrun, über Sefafiäll, dennHelge ist mit Leidesthau (Blut) benetzt, Du weinst, Gold-geschmückte, grimme Zähren, Du südlicher Sonnenglanz 1 ); eheDu schlafen gehst, jede (Zähre) fällt blutig auf des Königs ur-kalte, eingebogene, sorgbedrungene Brust. Wohl sollen wirtrinken theuern Wein, haben wir schon gemisst Freude undLänder, niemand soll ein Angstlied singen, wenn er mir schonin der Brust Wunden sehe. Nun sind Frauen im Grab ver-borgen, Königsfrauen, bei mir Todten."
(Siegrun machte ein Bett im Grab.)
„Hier hab' ich Dir, Helge, ein Lager gemacht, ein vielangstloses, Du Yfingersohn, im Arm will ich Dir schlafen, alsich dem lebenden Fürsten that." — (Helge sang:) „Nun sag'ich, dass nichts unerhört mehr sei; früh oder spät, bei Sefafiäll,da Du im Arme des Unlebenden schläfst, weiss im Grabe, DuHaugni-Tochter, und Du bist lebendig, Du Königsgeborne." —„Zeit ist's mir zu reiten gebahnten Weg und lassen das fahlePferd den Luftsteig traben; ich muss gen Westen über Wind-helms Brücke, ehe Salgofner (der Hahn) das Siegervolk wecket."
(Helge mit den Seinen ritt nun seinen Weg, die Frau mitden Ihrigen führ heim in die Burg. Den andern Abend liessSiegrun die Magd auf dem Grabe Wache halten. In der Abend-dämmerung kam sie selbst gegangen zum Hügel; sie sang:)
„Gekommen wäre nun, so er dächte zu kommen, der Sieg-mundsohn von den Sälen Odins; mein Hoffen verschwindet,dass der Fürst komme, seit auf den Baumästen Adler sitzen
') Eigentlich eingefelgte (von Felge) innfialgt.