ENTSTEHUNG DER ALTDEUTSCHEN POESIE. 157
III.
DAS ERSTE LIED VON FRAU CHRIEMHILD UNDDEM HELD HAGEN.
Das war die stolze Frau Chriemhild, die liess mischen den Meth
zur Hand:sie entbot zu sich die raschen Ritter aus allem fremden Land.
Sie bat sie zu kommen ohn Weilen, zum Kampf wol und zum Streit. —Das war der Held Hagen, der verlor seinen jungen Leib.
Das war der Held Hagen, der gieng aus zum Strand;fand da den Fährmann wol an dem weissen Sand.
Hör du guter Fährmann, o fahr mich über den Sund:
ich geh dir meinen guten Goldring, er wieget wol fünfzehn Pfund.
„Ich fahre dich nicht übern Sund, all für dein Gold so roth:kommst du in Huenilds Land, da bleibst du geschlagen zu todt."
Das war der Held Hagen, der sein Schwert auszog;
das war der unselige Fährmann, dem er das Haupt abschlug.
Er streift den Goldring von seinem Arm, er gab ihn Fährmanns Weib:das sollst du haben zur Liebesgabe für Fährmanns jungen Leib.
Da gieng der Held Hagen auf und ab an dem Strand;fand da eine Meerfrau, die ruht auf dem weissen Sand.
Heil dir! Heil dir! liebe Meerfrau, du bist ein künstlich Weib,komm ich in Hvenilds Land, kann ich behalten meinen Leib?
„Burgen hast du mächtig und schön; auch vieles Gold so roth:kommst du in Huenos Land, dort wirst du geschlagen zu todt."
Das war der Held Hagen, der schnell sein Schwert auszog:das war die unselige Meerfrau, der er das Haupt abschlug.
So nahm er das blutige Haupt, warf es hinaus in den Sund,schleudert den Leib darnach, da sammelt sich beides im Grund.
Herr Grimmer und Herr Germer trieben das Schifflein vom Lande
mit Muth,zornig war ihnen das Wetter, und mächtig des Meeres Fluth.