150 NATURPOESIE.
So haben wir es versucht, in der nordischen Poesie diePunkte aufzufinden, in welcher sie in Berührung steht mit derdeutschen, und wo sie sich gegenseitig durchdringen, das Re-sultat scheint keinem Zweifel unterworfen, dass nirgends hergrössere Aufklärung zu erwarten sei, als von dieser Seite.Schon darum wird das Studium der nordischen Poesie (dasbisher grösstentheils nur auf die Mythologie sich beschränkte),nothwendig, allein auch abgesehen davon, verdient sie eigendsmit Aufmerksamkeit betrachtet zu werden. Es ist in der Thateine merkwürdige Erscheinung, bei diesem verhältnismässig sokleinem Volk eine solche, nach allen Richtungen hin ausge-bildete Poesie zu finden, der wol an innerer Vollständigkeitkeine an die Seite gesetzt werden kann. Denn welches moderneVolk hat einen solchen Kreis erhalten, in welchem Mythologie,Epos, Sittenlehre, Geschichte (schon im dreizehnten Jahrhun-dert), Lieder fast ohne Lücke nach den Stufen entwickelt,welche die Cultur in ihrem Fortschreiten zu bilden pflegt, da-stehn? Wir können kaum etwas mehr von Bedeutung dagegenstellen, als das Nibelungenlied, wobei es nur erfreulich, dassgegen die Vollendung und Herrlichkeit desselben dort nichtsgehalten werden kann. Es wird überhaupt bei Betrachtung dernordischen Literatur von neuem klar, wie gedeihlich ein festesZusammenhalten eines Volks ist, wo alle Kräfte, nicht getheiltdurch mancherlei Wallungen, nach einem Punkte zu ernstlichforttreiben. Nur dann mag ein fruchtbares Blühen werden.Indem der deutsche Geist nach allen Welttheilen sich aus-dehnte und sie zu umfassen strebte, verschwand in den unge-heuren Grenzen, die er zog, der Erwerb seiner Väter, alsklein und gering, und damit die Vorliebe und Achtung, dieihm gebührte. So musste sich auch bei der Geschichte derPoesie die sonderbare Eigentümlichkeit deutscher Literaturwiederholen, dass erst die aller andern Völker sorgfältig unter-sucht wurde, ehe man anfieng von der einheimischen etwaswissen zu wollen.