ENTSTEHUNG DER ALTDEUTSCHEN POESIE. 129
ist nicht jeder Mythologie ein gleiches Schicksal begegnet, z. B.der griechischen, die in ihrer Entwicklung eine andere war, alsin ihrem Entstehen, und wiederum verschieden bei den Römernerscheint, und wird deshalb die spätere eine falsche oder er-dichtete genannt werden? Dass es eine sehr schwierige Arbeitsei, namentlich im Detail das Ursprüngliche zu trennen von demAnflug späterer Zeit, begreift sich leicht, und wird nie gelingen,ohne mit dem Gang bekannt zu sein, den die Ausbildung derMythologie bei allen Völkern genommen. 1 ) — Snorro sammeltenicht kritisch und fasste auf, was er vorfand, und dann zuseinem besondern Zweck, daher er mit der Mythologie ver-band, was in keiner Beziehung zu ihr war, nämlich die zweiandern Theile der Edda, Kenningar und Liodsgreinir.
Über die alte Edda ist dieses noch zu bemerken. Es istsehr einerlei, ob ihre Lieder von Sämund gesammelt sind odernicht, sie enthalten die alte Mythologie, sind echt und könnenleicht aus der Zeit sein, in welcher Sämund lebte (1056—1133).War der Name Edda, wie es scheint, eine allgemeine Benen-nung für Volkssage 2 ), so hat der isländische Bischof BrynolfSuenonius, welcher diese Gedichte wieder (1640) aufgefunden,nichts gegen sich, wenn er sagt, dass die ältere Edda so weit-läuftig gewesen, dass diese kaum den tausendsten Theil aus-mache, als dass er sich vielleicht zu stark ausgedrückt, an sichist es sehr natürlich, dass es noch viel solcher mythologischenGedichte gegeben, z. B. die, welche Saxo benutzte. Ihres Aus-spruch: eine ältere Edda hat nie existirt heisst eigentlich nur:Sämund hat sie nicht gesammelt 3 ); dass die Gedichte daraus
') Versuche, die Beifall verdienen, sind Gräters Abhandlungen über dieNomen und Walkyrien in den nordischen Blumen.
2 ) Nach Ihre (s. dessen Briefe in Schlözers Island. Literatur und in Unovon Troils Reise) heisst Edda so viel als: etha, oder, -weil dies häufig vor-kommt in den Erzählungen.
3 ) Ihres einziger Grund ist: dass Sämund als Lehrer der christlich -n Kirche,da man so eifrig an Abschaffung des Heidenthums arbeitete, ein System dieserReligion nicht -würde gesammelt haben. Allein das lässt sich nicht nur mit jenerAbsicht vereinigen, sondern er konnte ja leicht von diesen Gedichten eine blosshistorische Ansicht, überhaupt die vorherrschende im Norden von den altenSagen hegen, der eruditissimus und multiscius genannt wird, (s. sein Lebender alten Edda). ,
Vf. GRIMM, KL. SCHRIFTES. I. 9