OSSIAN UND PARZIVAL. 53
Am nächsten in weltlicher Lust steht uns Gawan, ritter-lich wie kein anderer, bringt er für treue Freundschaft undzierliche Liebeshändel kämpfend sein Leben hin. Die Frauensind ihm alsbald geneigt, wie sie ihn sehen, Obilot nimmt sichseiner schon an, als sie ihn, mit ihrer Schwester auf der Mauerstehend, in der Ferne erblickt; er wird bald ihr Ritter, demsie zärtlich den linken Ermel ihres Hemdes als Kleinod in denKampf mitgiebt. Gawan heftet ihn auf seinen Schild und bringtihn zerstochen der Dame wieder, die ihn nun an dem blossen.Arm trägt. Doch diese Liebe kann ihn nicht halten, so we-nig als es die Gunstbezeugungen der schönen Antikonye ver-mögen, die doch eingeschlossen mit ihm in einen Thurm, dieSchachfiguren, es sei König oder Roch, auf die Feinde geworfen,während das Schachbrett selber sein Schild war. Er begegnetder Orgeluse de Logroys, bezwungen von ihrem Stolz und ihrerspröden Schönheit folgt er ihren Befehlen und trägt Spott undHohn von ihr, dass die Leute weinen, wie sie einen so werthenRitter verderbe. Endlich aber, als er den gefährlichen Kranzvon dem Baum geholt, den Gramoflanz hütete, da demüthigtsich ihr Stolz vor seinem Muth und sie wird sein eigen. Ja,die Umarmungen Gawans haben sie erweicht, dass sie der Rachegegen Gramoflanz, der ihr den geliebten Cidegast erschlagen,entsagt und in eine Sühnung willigt.
Ist Gawan so glücklich in allem Beginnen, so bleibt Par-cival die Welt immer fremd. Aus dem Gegensatz zwischenbeiden geht ein jeder recht hell hervor. Parcival ist wie einMensch, der einen grossen Schatz besitzt, den er nicht kennt,den er aber ahnt: immer werden seine Gedanken von demandern dahin zurückgerufen, er sinnt darüber und wie halbträumend wandelt er fort, und seine Füsse stossen überall an.Er fühlt, er ist in Gottes Hand und zu Grossem berufen, fastunbewusst, führt ein reines Leben, und doch, als er zum Ein-siedler kommt, weiss er nichts vom Gottesdienst: er trägt zweigrosse Sünden, weil er seinen Verwandten Ither im Kampf ge-tödtet, und weil seine Mutter aus Herzeleid über ihn gestorben J ),
l ) V. 14912. [499, 20.]